Nachstellung der Schlacht bei Jena und Auerstedt: mehr als nur ein Spektakel.

Die Rückkehr der Vergangenheit

Kulturwissenschaftlerin der Universität Jena gibt Handbuch über Reenactment Studies mit heraus
Nachstellung der Schlacht bei Jena und Auerstedt: mehr als nur ein Spektakel.
Foto: Jan-Peter Kasper (Universität Jena)
  • Forschung

Meldung vom: 08. Mai 2020, 11:25 Uhr | Verfasser/in: Stephan Laudien

Dröhnende Kanonen, wiehernde Pferde, Platzpatronen und Pulverrauch: Wenn auf den Schlachtfeldern oberhalb Jenas alle paar Jahre das Geschehen von 1806 nachgespielt wird, säumen tausende Neugierige die Wege und Wiesen. Sogenannte Reenactments – das Nachstellen historischer Ereignisse wie die Doppelschlacht von Jena und Auerstedt – liegen zweifellos im Trend. Dr. Juliane Tomann von der Universität Jena hat jetzt gemeinsam mit Prof. Vanessa Agnew und Prof. Jonathan Lamb ein Handbuch für Reenactment-Studien herausgegeben. Dieses englisch­sprachige Werk kann als Grundlage für Lehre und Forschung in diesem neuen Wissenschaftsfeld dienen.

Lebendige Geschichte

Die Beliebtheit solcher Reenactments beschränkt sich keineswegs auf die Darstellung historischer Schlachten“, sagt Juliane Tomann. „Lebendige Geschichte“ werde auf Mittel­altermärkten ebenso zelebriert wie bei Stadtführungen, bei denen in historischen Kostü­men agiert wird. Doch der Begriff Reenactment könne noch viel weiter gefasst werden, sagt Juliane Tomann: „Er ist zutiefst interdisziplinär und prägt die Kunst, die Theaterwis­senschaften und performance studies.“ Sogar in der Architektur seien bei der sogenann­ten forensic architecture Techniken des Reenactments aufgenommen worden. Dabei geht es etwa darum, nach Raketeneinschlägen zu rekonstruieren, woher das Geschoss kam. Eingesetzt wird forensic architecture beispielsweise im Gazastreifen.

Was ist echt?

Bei Reenactment geht es immer um das spannungsvolle Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart und die Frage, wie Vergangenheit erlebt und in die Gegenwart geholt werden kann. Ein wichtiges Kriterium ist der Aspekt der Authentizität: Was ist echt? Was Fakt und was Fiktion? Wer entscheidet darüber? Im neuen Handbuch werden bei der Betrachtung des Phänomens Reenactment weitere Felder einbezogen. „Selbst Rituale wie das Abendmahl im Gottesdienst oder eine Pilgerreise auf historischen Pfaden enthal­ten Reenactment-Elemente“, sagt Juliane Tomann, die in Frankfurt/Oder Kulturwissen­schaften studiert hat und seit 2014 am Imre-Kertész-Kolleg der Universität Jena arbeitet. Ihr fachlicher Schwerpunkt sind Mittel- und Osteuropa.

Das „Routledge Handbook of Reenactment Studies“ führt erstmals Diskurse und Konzep­te rund um den Begriff Reenactment zusammen und ordnet diese. Die Einträge reichen von „art“ bis „trauma“ und bilden die Diskussionen über Reenactment in den USA, Europa und Australien ab.

Die Reenactment-Szene hat ihren Ursprung in den USA. Als erstes Reenactment gilt „The Battle of Bull Run“ im Juli 1961, als Szenen des amerikanischen Bürgerkriegs in Manas­sas/Virginia nachgestellt wurden. In Deutschland gehören Vereine aus Leipzig und Jena zu den Vorreitern der Szene. Bereits seit Mitte der 1980er Jahre wurde die Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 und die Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 wach­gehalten.

Bibliographische Angaben:
Vanessa Agnew, Juliane Tomann, Jonathan Lamb (Hg.): Routledge Handbook of Reenactment Studies, Routledge, 264 Seiten, ISBN 9781138333994, Preis: 226,99 Euro (gebunden), 45,49 Euro (eBook)

Kontakt:

Juliane Tomann, Dr.
Telefon
+49 3641 9-44074
Sprechzeiten:
nach Vereinbarung
JenTower, Raum 14. OG
Leutragraben 1
07743 Jena
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