Gedenken im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald.

Willentliche Selbstbeunruhigung an eigener Geschichte

Ein neues Buch würdigt die Arbeit des Gedenkstättenleiters und Universitätslehrers Volkhard Knigge
Gedenken im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald.
Foto: Jan-Peter Kasper (Universität Jena)
  • Liberty
  • Wissenstransfer & Innovation

Meldung vom: 21. Juli 2020, 07:36 Uhr | Verfasser/in: Stephan Laudien

Cover des neuen Buchs. Cover des neuen Buchs. Foto: Verlag

Wirklich tiefgreifende Auseinandersetzung mit Geschichte führt oft in neue, mitunter auch schmerzhafte Einsichten. Das gilt zumal für die Zeit des National­sozialismus, der Shoah und anderer extremer Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, die von Deutschen gewollt und – gegen den Widerstand von Minderheiten – gesellschaftlich ermöglicht worden sind. Wie soll unsere Gegenwart mit dieser Vergangenheit vernünftig umgehen? Welche Formen der Vergegenwärtigung sind politisch, pädagogisch und ästhe­tisch angemessen? Warum ist „Erinnerung“ heute längst nicht mehr der Königsweg für deutsche Selbstaufklärung? Der Historiker, Geschichtsdidaktiker und Psychoanalytiker Volkhard Knigge hat solche Fragen seit den frühen 1990er Jahren gestellt und in Inter­views, Reden, Aufsätzen und mit Interventionen prägnant beantwortet – als Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und seit 2008 zudem als Inhaber der Professur für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Mai ging er in den Ruhestand, jetzt würdigt ein bildreiches Buch sein Denken und Handeln als Wissenschaftler und Hochschullehrer: „Geschichte als Verunsicherung. Konzeptionen für ein historisches Begreifen des 20. Jahrhunderts.“

Vermittlung im Vordergrund

Bereits Knigges Texte aus den späten 1980er Jahren lassen die Programmatik erkennen: Fragen der Vermittlung standen stets im Vordergrund: sei es im Unterricht mit Schüle­rin­nen und Schülern, bei der Aufklärung mit Hilfe von historischen Artefakten oder in der Reflexion auf Kunst und Literatur. Eines von Knigges leidenschaftlichen Anliegen war der angemessene Umgang mit Überresten und Denkmalen an historischen Orten. Wenn im­mer man solche Relikte wiederherstellt und konserviert, ihre Präsentation sollte so ange­legt sein, „dass sie vom Gebrauch eigener historischer Vorstellungskraft nicht entlasten, deren Entwicklung aber fördern“, heißt es in einem Beitrag über die Gedenkstätte Buchen­wald. An der Geschichte der Gelände einstiger Konzentrationslager zeigt Knigge beispiel­haft, wie die Gesellschaften in Deutschland Ost wie West versuchten, mit dieser Vergan­genheit klarzukommen. Während im Osten Deutschlands in den 1950er Jahren die histo­risch-politische Deutung „durch Sterben und Kämpfen zum Sieg“ zur Leitlinie für kommu­nistische Denkmalsarchitekturen wurde, ließen westdeutsche Verantwortliche buchstäb­lich Gras und Bäume über die einstigen Sterbeorte Tausender Häftlinge wachsen: Wald­fried­höfe wie etwa in Bergen-Belsen.

Erinnerung braucht Wissen und Orientierung auf Werte

Volkhard Knigge hat das Ringen um die Deutung von Gesellschaftsverbrechen nicht nur begleitet, sondern gab immer wieder Denkanstöße für die Debatte, forderte Begriffs­schär­fe, wurde zu einer prägenden Figur über Deutschland hinaus. Knigges Konzepte sind ge­tra­gen von der Sorge, die zunehmende Institutionalisierung des Gedenkens führe in for­melhafte Routinen. Weil diese Verbrechen die Menschen, die unverzeihlich bleiben, dauer­haft verunsichern, hat der Historiker „willentliche Selbstbeunruhigung“ als das Ziel histo­rischen Lernens in Deutschland beschrieben. Ein „negatives Gedächtnis“, das dabei ent­steht, sei indes nicht Last, sondern bietet Gründe und Orientierungswissen für ein gemein­sames Streben nach besserem und gerechtem Leben für alle. Sein Credo: „Erinnerung braucht Wissen und Orientierung auf Werte“.

Zu den berührendsten Texten im Buch gehören die Beiträge über die Schriftsteller und Bu­chenwald-Überlebenden Jorge Semprún und Imre Kertész. Volkhard Knigge beschreibt beide als Zeugen, die in ihrer Kunst das selbst erlebte Grauen beschreiben und dabei die Abgründe dessen ausloten, wozu Menschen fähig und bereit sind.

Auswahl und Arrangement der 48 Beiträge im Buch hat der Historiker Axel Doßmann vor­genommen, langjähriger Mitarbeiter an Volkhard Knigges Lehrstuhl für Geschichte in Me­dien und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ein Register erleichtert den systematischen Zugriff auf das Œvre.

Information

Bibliographische Angaben:
„Volkhard Knigge. Geschichte als Verunsicherung. Konzeptionen für ein historisches Be­grei­fen des 20. Jahrhunderts“, hg. von Axel Doßmann im Auftrag der Stiftung Gedenkstät­ten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 630 Seiten, 129, z. T. farbige Abb., 38 Euro, ISBN: 978-3-8353-3696-4

Kontakt:

Axel Doßmann, Dr.
Telefon
+49 3641 9-44483
Fax
+49 3641 9-44402
Raum 101
Fürstengraben 13
07743 Jena
Diese Seite teilen
Die Uni Jena in den sozialen Medien:
Ausgezeichnet studieren:
  • Logo der Initiative "Total E-Quality"
  • Logo des Best Practice-Club "Familie in der Hochschule"
  • Logo des Projekts "Partnerhochschule des Spitzensports"
  • Qualitätssiegel der Stiftung Akkreditierungsrat - System akkreditiert
Zurück zum Seitenanfang