Prof. Dr. Heike Kraußlach (r.) und Prof. Dr. Klaus Dörre präsentieren die neue Studie des ZeTT.

Die Wirtschaft muss rasch umsteuern

Studie zur Thüringer Wirtschaft in der Corona-Krise präsentiert
Prof. Dr. Heike Kraußlach (r.) und Prof. Dr. Klaus Dörre präsentieren die neue Studie des ZeTT.
Foto: Anne Günther (Universität Jena)
  • Forschung

Meldung vom: 28. Juli 2020, 16:15 Uhr | Verfasser/in: Axel Burchardt

13 Prozent der Thüringer Unternehmen sehen aufgrund der aktuellen Krise ihre Existenz gefährdet, 22 Prozent zumindest teilweise. Das ist eines der besorgniser­regen­den Ergebnisse einer neuen Studie, des ZeTT-Radars, die am 28. Juli an der Friedrich-Schiller-Uni­versität Jena vorgestellt wurde.

Keine Entspannung der angespannten Lage erwartet

Ein Team vom „ZeTT – Zentrum Digitale Transformation“ hat im Juni bei 388 Thüringer Un­ternehmen die Führungsebene befragt, wie die aktuelle Lage des Unternehmens ist und wel­che Annahmen sie für die Zukunft haben. Fast zwei Drittel der Befragten er­war­ten keine Ent­spannung der angespannten Lage. Die Skepsis ist vom Wirtschaftszweig abhän­gig: Sie ist im verarbeitenden Gewerbe besonders groß, während die IT-Branche recht hoff­nungsfroh ist. Über Veränderungen wird in den meisten Unternehmen nachgedacht, aber dies wird nur sel­ten durch betriebliche Investitionen unterfüttert. Und wenn es Investitionen gibt, dann fließen die Mittel vor allem in digitale Lösungen oder Services, präsentierte Dr. Thomas Engel, Sozio­loge der Uni Jena und Geschäftsführer des ZeTT, die Ergebnisse. Die umfangrei­chen Befun­de und Analysen sind der Öffentlichkeit hier zugänglich.

Tipps für Politik und Unternehmen

Das Team um den Soziologen Prof. Dr. Klaus Dörre von der Universität Jena und Prof. Dr. Heike Kraußlach von der Hochschule Jena beließ es aber nicht bei der reinen Bestandsauf­nahme. Stellvertretend für das Team stellte Dörre wirtschafts- und industriepolitische Schlussfolgerungen vor. „Die Lage ist schwie­rig, vor allem unübersichtlich für Management und Belegschaften, verwies der Wirtschafts- und Arbeitssoziologe auf die Ge­men­gelage aus aktuellen und bereits zuvor herrschenden Krisen. Strukturveränderungen waren bereits vor Corona notwendig: mehr Digitalisierung, mehr Nachhaltigkeit, die Umsteuerung in der Auto­industrie sind nur einige Themen. Daher sei eine schnelle wirtschaftliche Erholung nicht in Sicht. „In der Autoindustrie werden nicht alle Arbeitsplätze erhalten bleiben“, nennt er ein Beispiel, warum eine Konversion notwendig ist, um Unternehmen und Arbeitsplätze zu er­halten. Ihm sei bewusst, dass etwa ein Fräser nicht problemlos auf Kranken­pfleger umge­schult werden könne, aber ein Wandel in der Arbeitswelt sei zwingend erfor­derlich. Dafür brauche es geeignete Weiterbildungsangebote – auch an den Hochschulen.

Und auch das gerade von vielen Menschen durchlebte Homeoffice habe zwar seine guten Seiten, etwa eine flexiblere und entspanntere Arbeitszeit und keinen Arbeitsweg. „Aber nie­mand will digitaler Einsiedler werden“, so Dörre mit Blick auf den Menschen als ein soziales Wesen. Und auch in diesem Bereich erlebten die Menschen derzeit einen deutlichen Wandel, weil Kultur und soziale Aktivitä­ten wegbrechen – wichtige Bestandteile des Lebens.

Unkonventionelle Lösungen sind notwendig

Dörres Plädoyer vor allem, aber nicht nur an die Politik: Inte­grierte Konzepte für die Zukunft sind jetzt zu entwickeln. Und wenn die Krise anhält, wovon die meisten Unternehmen ausge­hen, dann „sind unkonventionelle Lösungen notwendig“. Das können auch staatliche Beteili­gungen an strategisch wichtigen Unternehmen sein. Da das Geld aber nicht für alle reicht, müsse das Land sich endlich trauen, Prioritäten zu setzen – und das unabhän­gig von dem immer einsetzenden öffentlichen Geschrei.

Prof. Dörre sieht seine Ausführungen „als eine Reihe von Vorschlägen“. Dies zeigte auch die nachfolgende Vorstellung von Positionen aus Wirtschaft und Gewerkschaften, die sich nicht immer mit denen von Dörre deckten. Einig war man sich dabei, dass es rasche Weichenstel­lungen für die Transformation durch die Politik geben müsse.

Mit den neuen Analysen des ZeTT ist die Diskussion wieder eröffnet. Allzulange sollte aber nicht geredet, stattdessen gehandelt werden. Und dies gelte nicht nur für Thüringen, sind sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ZeTT-Radars sicher. Sie halten die Be­fun­de und Analysen für übertragbar auf andere Bundesländer.

Wie sich die Thüringer Wirtschaft weiterentwickelt, wird sich bei der im Oktober 2020 starten­den Quartalsumfrage zum ZeTT-Radar zeigen.

ZeTT
Fünf Partner aus Wissenschaft und Beratung haben sich zum ZeTT – Zentrum Digitale Trans­forma­tion Thüringen zusammengeschlossen, das zu Jahresbeginn seine Arbeit aufge­nom­men hat. Zum ZeTT gehören die Ernst-Abbe-Hochschule, die Friedrich-Schiller-Univer­si­tät, die TU Ilmenau, Arbeit und Leben Thüringen sowie das IWT – Institut der Wirtschaft Thü­ringens GmbH. Das Projekt „ZeTT“ wird im Rahmen der Förderrichtlinie „Zukunftszentren – Unterstützung von KMU, Beschäftigten und Selbstständi­gen bei der Entwicklung und Umset­zung innovativer Gestaltungsansätze zur Bewältigung der digitalen Transformation“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert und vom Thüringer Arbeitsministerium unterstützt.

Fernsehbeiträge zur Vorstellung des ZeTT-Radars sind zu finden im MDR Thüringen-Journal und bei JenaTV.

Kontakt:

Klaus Dörre, Univ.-Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-45521
Fax
+49 3641 9-45522
Sprechzeiten:
Donnerstag, 20.08.2020
12:30-14:00 Uhr
Raum 276
Carl-Zeiß-Straße 3
07743 Jena
Diese Seite teilen
Die Uni Jena in den sozialen Medien:
Ausgezeichnet studieren:
  • Logo der Initiative "Total E-Quality"
  • Logo des Best Practice-Club "Familie in der Hochschule"
  • Logo des Projekts "Partnerhochschule des Spitzensports"
  • Qualitätssiegel der Stiftung Akkreditierungsrat - System akkreditiert
Zurück zum Seitenanfang