Die neue Jenaer Linguistin Prof. Dr. Agnes Jäger.

Die Fehler von heute sind der Standard von morgen

Agnes Jäger ist neue Professorin für Germanistische Linguistik mit Schwerpunkt Sprachwandel und sprachliche Variation
Die neue Jenaer Linguistin Prof. Dr. Agnes Jäger.
Foto: Anne Günther (Universität Jena)
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Meldung vom: 25. November 2020, 08:19 Uhr | Verfasser/in: Stephan Laudien

Allzu schnell heben wir den Zeigefinger, wenn jemand einen Satz mit „Das ist größer wie ...“ beginnt. Doch Vorsicht: Während in der Standardsprache „größer als“ die korrekte Form ist, heißt es im Dialekt durchaus korrekt „größer wie“. Die Sprache ist im stetigen Wandel und manche Formen, die uns befremdlich erscheinen, gingen unseren Großeltern völlig geläufig über die Lippen. Umgekehrt benutzen wir Begriffe, die Oma und Opa mit Kopfschütteln quittieren.

Wechsel nach Jena wegen der „hervorragenden Grammatiker“

Wortstellung im Satz, Bildung von Wortformen und Wandel in der Sprache, das sind Arbeits­felder, die Prof. Dr. Agnes Jäger von der Universität Jena beackert. Mit Neugier und Begeis­terung, das wird im Gespräch rasch klar. „Ich habe mich schon früh für die Gesetzmäßig­keiten und Grenzen der Sprache interessiert“, sagt Agnes Jäger. Raum für erste Studien boten die vier Sprachen, die die gebürtige Hallenserin in einer Sprachspezialklasse der Francke-Schule erlernte: Englisch, Französisch, Russisch und Latein. Folgerichtig nahm sie ein Studium der Germanistischen Sprachwissenschaft, Philosophie und Volkskunde auf, zunächst an der Universität Göttingen. Im Anschluss an einen Studienaufenthalt an der University of Wales Lampeter empfahlen ihr die Göttinger Dozenten, doch nach Jena zu wechseln, der hervorragenden Grammatiker wegen. In Jena legte Agnes Jäger ihre Dissertation vor: „History of negation in German“, bewertet mit „summa cum laude“.

Gegenstand der Doktorarbeit war die Entwicklung der Verneinung im Deutschen, von den ersten Zeugnissen im Althochdeutschen an bis zu heute gebräuchlichen Formen. Die sprach­geschichtlichen Untersuchungen sind dabei immer Reisen in die Dialektvergangenheit: Eine Standardsprache entwickelte sich im Deutschen erst im 19. Jahrhundert.

Mit Dialektforschung beschäftigte Prof. Jäger sich auch an der Universität Frankfurt/M., wo sie am Projekt „Syntax Hessischer Dialekte“ mitwirkte. Dabei sei es den Forschern gelungen, relativ viele gute Dialektsprecher ausfindig zu machen. In der Mehrzahl ältere Menschen, die eher immobil leben. „Die Vermutung, dass die Dialekte aussterben, kann ich nicht bestätigen“, sagt Jäger. Zwar seien reine Dialekte tatsächlich unter Druck, weil es eine gute Schulbildung gibt, weil die Medien die Standardsprache verbreiten und die Menschen sehr mobil sind, gleich­zeitig jedoch böten etwa die neuen Medien viele Chancen, Dialekte zu bewahren.

Den Schatz der Thüringer Dialektforscher heben

Von 2018 bis 2020 war Agnes Jäger als Professorin für Sprachgeschichte in Köln tätig. Nunmehr an die Friedrich-Schiller-Universität in Jena berufen, möchte Agnes Jäger spezielle Aspekte der thüringischen Mundart erforschen. In der gut 100-jährigen Forschungsge­schich­te zum Thüringischen sei bisher vor allem der Wortschatz hervorragend dokumentiert wor­den, sagt sie. Doch im Archiv des Thüringer Wörterbuchs liege noch ein weiterer Schatz, den es zu heben gilt: „Da gibt es tausende Fragebögen, die seit den 1930er Jahren erhoben wur­den, mit Wörtern und ganzen Sätzen.“ Jede Menge Material, um Entwicklungen der Gram­matik untersuchen zu können.

Ein weiteres Füllhorn an Sprachbeobachtungen ergibt sich für Agnes Jäger im Privaten. Als Mutter von drei Kindern erlebt die 44-Jährige deren sprachliche Entwicklung hautnah mit. „Kinder und Zweitsprachlerner machen die immer gleichen Fehler“, sagt Agnes Jäger. Zu­gleich zeige sich bei ihnen, wie sich die über 1000-jährige Sprachgeschichte des Deutschen fortsetzt. Dabei hätten Kinder ihre ganz eigene Kreativität, sie seien keineswegs „Papageien“, die durch ständiges Nachplappern lernen. Schöpfungen wie „eine Süßigkeite“ zeigten bei­spielsweise, dass das Wort durchaus richtig als feminines Nomen erkannt wurde. Bei diesen geht das -en des Plurals typischerweise mit einem -e im Singular einher, wie bei „die Kisten“ – „die Kiste“. Das führt hier zur Neubildung einer (noch) falschen, aber den Regeln des Deut­schen grundsätzlich gemäßen Singularform. Dabei gilt: „Die Fehler von heute sind oft der Standard von morgen!“ Ein Beispiel aus der Sprachgeschichte: Der früher gültige Singular „der Schneck“ wandelte sich zu „die Schnecke“, hingegen blieb es im Plural bei „die Schnecken“.

In ihrer Freizeit singt Agnes Jäger gern. Während des Studiums und ihrer Mitarbeiterzeit in Jena war sie in der Kantorei St. Michael und bei den „Jena Jubilee Singers“, später in Frank­furt am Main und in Brühl bei Köln sang sie ebenfalls in den dortigen Kantoreien mit. In Köln entstand 2017 ihre Habilitationsschrift mit dem Titel „Vergleichskonstruktionen im Deut­schen. Diachroner Wandel und synchrone Variation“. Einfach gesagt: Es geht um die Frage nach dem „Wie“ und „Als“ im Wandel der Zeiten und in unterschiedlichen Dialekten.

Kontakt:

Agnes Jäger, Univ.-Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-44340
Sprechzeiten:
n. V.
Raum 104
Fürstengraben 30
07743 Jena
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