Die Expertenkomission Forschung und Innovation überreicht das Jahresgutachten

Krise als Katalysator für den Übergang zu neuen Technologien

Expertenkommission Forschung und Innovation legt Jahresgutachten vor
Die Expertenkomission Forschung und Innovation überreicht das Jahresgutachten
Foto: David Ausserhofer
  • Wissenstransfer & Innovation

Meldung vom: 24. Februar 2021, 15:00 Uhr | Verfasser/in: Sebastian Hollstein

Wissenschaft und Innovationskraft Deutschlands sind durch die Corona-Krise erheblich beeinträchtigt worden. Zu diesem Schluss kommt die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), die am Mittwoch ihr Jahresgutachten an Bundeskanzlerin Angela Merkel virtuell überreichte. Vorsitzender des Gremiums ist der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Uwe Cantner von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. So seien Unternehmen jeder Größe von deutlichen Umsatzeinbußen betroffen. Infolgedessen stünden ihnen weniger finanzielle Mittel für Vorhaben im Bereich Forschung und Innovation (F&I) zur Verfügung, stellt die EFI fest. Auch das Wissenschaftssystem leide unter Einschränkungen, deren Auswirkungen sich in den Forschungsleistungen niederschlagen würden. „Mit zunehmender Dauer der Pandemie können diese Entwicklungen im Unternehmens- und im Wissenschaftssektor zu einer längerfristigen Schwächung des deutschen F&I-Systems führen“, folgert Gremiumsmitglied Prof. Irene Bertschek.

Die EFI begrüßt, dass die Bundesregierung im Juni 2020 ein umfangreiches Konjunkturpaket mit einem Gesamtumfang von 130 Milliarden Euro verabschiedet hat, womit wichtige politische Impulse gesetzt wurden, um die Corona-Krise durchzustehen. Da die Maßnahmen zur Überbrückung im Wesentlichen durch Verschuldung finanziert werden, sieht die Kommission allerdings die Gefahr, Haushaltsspielräume einzuschränken, was sich negativ auf die F&I-Politik auswirken kann. Sie mahnt an, dass die kurzfristige Stabilisierung der Wirtschaft nicht zulasten der mittel- und langfristigen Wettbewerbsfähigkeit des deutschen F&I-Systems gehen darf. „Die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands lässt sich fördern, wenn weitere Konjunkturprogramme und Maßnahmen so F&I-orientiert wie möglich ausgestaltet werden – so können Wachstumsimpulse gesetzt und die Krise gleichzeitig als Katalysator für den Übergang zu neuen Technologien genutzt werden“, sagt Uwe Cantner.  

Ein Zukunftsthema, dessen Potenzial die Kommission gesondert heraushebt, ist die Gen-Schere CRISPR/Cas. „Diese Technik setzt neue Impulse in der medizinischen Grundlagenforschung und ermögliche neue Therapieansätze vor allem für Erbkrankheiten“, so Kommissionsmitglied Prof. Carolin Häussler. Um die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten rund um CRISPR/Cas hierzulande zu stärken und zu intensivieren, empfiehlt die EFI etwa eine Beschleunigung von Genehmigungsverfahren – unter Wahrung von Sicherheit und ethischer Vertretbarkeit –, den Aufbau und die Förderung von international wettbewerbsfähigen Leuchtturmprojekten sowie einen stärkeren Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis. 

Digitalisierung fordert Aus- und Weiterbildung heraus

Des Weiteren behandelt die EFI in einem Schwerpunkt, welche Herausforderungen sich für die berufliche Aus- und Weiterbildung in Deutschland aus der fortschreitenden Digitalisierung in der Wirtschaft und an den Arbeitsplätzen ergeben. Der Transformationsprozess sorge dafür, dass etablierte Arbeitsplätze wegfallen, während an anderer Stelle neue entstehen – ein großer Bedarf an Weiterbildungen sei die Folge, so die Experten. Zunehmend gebraucht würden deshalb nicht nur für die Gestaltung von transformativen Technologien notwendige technologische und digitale Fähigkeiten, betont Kommissionsmitglied Prof. Till Requate , „sondern verstärkt auch sogenannte klassische Kernfähigkeiten: Problemlösungsfähigkeit, Kreativität, Eigeninitiative, Anpassungsfähigkeit und Durchhaltevermögen“. Nach Einschätzung der EFI sei die Entwicklung dieser Kernfähigkeiten nicht nur entscheidend, um die individuellen Beschäftigungs- und Karrierechancen in der digitalisierten Arbeitswelt zu sichern, sondern auch damit sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Potenziale neuer Technologien voll entfalten könnten und die Digitalisierung zügig in alle Teile der Wirtschaft vordringen könne.

„Das System der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland muss mit den Veränderungen von Wirtschaft und Arbeitswelt durch die Digitalisierung Schritt halten“, so Kommissionsmitglied Prof. Holger Bonin. Vor diesem Hintergrund empfiehlt die EFI eine Reihe von Maßnahmen, durch die öffentliche Stellen Unternehmen und im Erwerbsleben stehende Menschen dabei unterstützen können, die Anpassungsbereitschaft für und Rahmenbedingungen der Aus- und Weiterbildungen zu stärken. Das Maßnahmenspektrum reicht von der Beratung und Unterstützung von Unternehmen bei der digitalen Ausbildungsgestaltung über den Ausbau der digitalen Infrastruktur an Berufsschulen und entsprechende Aus- und Fortbildung des Personals bis hin zur Etablierung eines Monitoring-Systems zur Erfassung der vom Arbeitgeber geforderten und bei den Beschäftigten vorhandenen Fähigkeiten.

„Neue Missionsorientierung“

Ein weiteres Schwerpunktthema des EFI-Gutachtens ist der Wandel hin zur „Neuen Missionsorientierung“ in der F&I-Politik. „Dabei geht es um einen Politikansatz, der auf die Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen wie Klimawandel, Gesundheit oder soziale Ungleichheit abzielt“, erklärt die stellvertretende Vorsitzende der EFI, Prof. Katharina Hölzle.

Die Neue Missionsorientierung unterscheidet sich deutlich von der klassischen Missionsorientierung wie etwa der US-amerikanischen Mission zur Mondlandung. Derartige Missionen waren darauf ausgelegt, ein technologisches Großvorhaben mittels Innovationen unter Leitung einer einzelnen Behörde zum Erfolg zu führen. Demgegenüber sind die heutigen Missionen deutlich komplexer. So lässt sich die Mission „Klimaschutz“ nur durch ein Zusammenspiel von technologischen Innovationen mit verschiedensten politischen Maßnahmen und gesellschaftlichen Verhaltensänderungen realisieren. Darüber hinaus berührt eine Klimaschutzmission mehrere Politikfelder gleichzeitig: Umwelt, Steuern, Soziales, Wirtschaft sowie Bildung und Forschung. Die Neue Missionsorientierung erfordert daher eine enge Kooperation verschiedener Ministerien sowie die Einbindung von Expertengruppen, gesellschaftlichen Akteuren sowie Bürgerinnen und Bürgern. Nur so können die Missionen erfolgreich umgesetzt werden.

„Aus den Missionen sind konkrete Zielsetzungen abzuleiten. Diese müssen einen klaren Zeithorizont haben und ihre Erfüllung sollte messbar sein. Wichtig ist, dass sich der Zeithorizont an der Zielsetzung der Missionen und nicht an der Dauer von Legislaturperioden orientiert. Wenn eine Mission deutlich und dauerhaft hinter den gesteckten Zielen zurückbleibt, muss die Mission beendet werden“, empfiehlt der EFI-Vorsitzende Prof. Cantner. Außerdem brauche es ein koordiniertes Vorgehen von Politik und Verwaltung, wofür etwa die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen Ministerien gestärkt werden müsse. Nicht zuletzt, eine große Technologieoffenheit und ein Setzen auf die Kreativität der Markakteure runden diesen Politikansatz ab.

Erwartungen an die nächste Bundesregierung

Auf Basis ihrer Arbeit formuliert die EFI im Gutachten klare Erwartungen an die zukünftige Bundesregierung. Uwe Cantner von der Universität Jena, stellt fest, dass die Ausgangslage für Forschung und Innovation in Deutschland trotz der Corona-Krise so schlecht nicht ist: „Unser Land hat in den vergangenen beiden Dekaden durch eine kluge Finanz- und Wirtschaftspolitik Handlungsspielräume für die Bewältigung großer Herausforderungen geschaffen. So konnte die Politik den schwersten Verwerfungen durch die Corona-Krise relativ gut durch massive Schuldenaufnahme begegnen. Deutschland war aber in den letzten Jahren auch in der Lage, F&I durch Zukunftsinvestitionen voranzubringen.“ Die Forschungs- und Entwicklungsintensität des deutschen F&I-Systems „hat zuletzt mit einem Wert von 3,17 Prozent am Bruttoinlandsprodukt die internationale Spitzengruppe erreicht – ein gemeinsamer Erfolg von privatwirtschaftlichen Aktivitäten im Bereich Forschung und Entwicklung und einer breiten staatlichen Förderpolitik“, betont Cantner. Das Ziel, eine international führende Rolle als Innovationsstandort zu spielen, habe Deutschland somit durchaus erreicht.

Die EFI sieht zwar die Überwindung der Corona-Krise als eine aktuelle, zentrale Aufgabe der neuen Bundesregierung an, sie will aber zugleich gewährleistet sehen, dass der F&I-Politik weiterhin ein hoher Stellenwert zukommt. Die neue Bundesregierung benötige einen kohärenten Politikansatz, der den gesamten Innovationsprozess – von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung – in den Blick nimmt und dem sich alle Ministerien verpflichtet fühlen. In der neuen Legislaturperiode sollte sich die F&I-Politik an fünf wesentlichen Prioritäten ausrichten: große gesellschaftliche Herausforderungen – wie die Energie- und Mobilitätswende – angehen, Technologische Rückstände aufholen und vermeiden, die Fachkräftebasis sichern – sowohl durch bessere Qualifizierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten –, eine Erhöhung der Innovationsbeteiligung sowie eine Steigerung der Agilität der F&I-Politik.

Information

Das EFI-Jahresgutachten 2021 ist online verfügbar unter: https://www.e-fi.de/publikationen/gutachten

Kontakt:

Uwe Cantner, Univ.-Prof. Dr.
Uwe Cantner
Telefon
+49 3641 9-43200
Fax
+49 3641 9-43202
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