Prof. Dr. Walter Rosenthal

"Mit den Impfungen kommt Licht ans Ende des Tunnels"

Im Interview spricht Präsident Walter Rosenthal über die Pandemielage und das bevorstehende Sommersemester
Prof. Dr. Walter Rosenthal
Foto: Anne Günther (Universität Jena)
  • Corona

Meldung vom: 01. April 2021, 15:00 Uhr | Verfasser/in: Katja B. Bär

Seit Oktober 2014 leitet Walter Rosenthal als Präsident die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zuvor arbeitete er als Arzt, war Professor an der Charité in Berlin und Vorstand des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. Rosenthal ist Mitglied der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Kommunikationsleiterin Katja Bär sprach mit ihm über die Pandemielage und das bevorstehende Sommersemester an der Uni Jena.

Eine Osterruhe sollte das exponentielle Ansteigen der Covid-19 Infektionen bremsen. Stattdessen haben wir in einzelnen Ländern und Städten Lockerungen. Haben wir noch eine nationale Strategie?

Ich finde schon. Gerade wenn ich uns mit Ländern vergleiche, deren Regierungen sich nicht oder kaum von der Wissenschaft beraten lassen und in denen die Infektionszahlen und die Todesfälle durch die Decke gehen. Wir bewegen uns jedoch zwischen zwei Polen: national geltende und lokale Maßnahmen. Das bleibt immer ein Spannungsfeld. Die Politik ist sehr stark zu allgemeinen Regelungen, wie der Verschärfung des Lockdowns, übergegangen. Da glaube ich, muss man differenzierter vorgehen. Ob aber gerade in Thüringen, dem Land mit der höchsten Inzidenz, an Ostern Lockerungen vorgenommen werden sollten, daran habe ich Zweifel.

Eine nationale Strategie könnte man auch weitergehend verstehen und eine Ampel festlegen, die klar aufzeigt, wann es bundesweit zu Einschränkungen kommt. Eine bundesweite Regelung muss zugleich die Möglichkeit einschließen, dass man regionalspezifisch reagiert. Wenn Sie sich die Corona-Landkarte in Thüringen betrachten, dann sehen Sie dunkelrote Gebiete, in denen die 500 überschritten ist. Da braucht es andere Maßnahmen als in Regionen mit einer Inzidenz unter 100. Kurzum: Gleiche Grundregeln sind wichtig. Diese würden viele dann auch als Perspektive und Orientierung anerkennen.

Ein Thüringer Bündnis von Jugendinitiativen fordert jetzt 14 Tage alles zu schließen und mit der Zero-Covid-Strategie wieder zu mehr Normalität zurückzukehren. Wie beurteilen Sie das?

Es gibt keine wissenschaftliche Studie, aus der wir ableiten können, dass die Zero-Covid-Strategie funktioniert und wie lange sie wirkt. Aber es gibt Länder, die einen sehr strikten Lockdown gemacht haben. In Australien zum Beispiel sind dadurch nur etwa 900 Menschen an Corona gestorben und auch Neuseeland hatte damit Erfolg. Das sind zwar Fallbeispiele isolierter Inselstaaten, aber es spricht einiges dafür, dass die Strategie adaptierbar ist. Und es gibt ja auch aus der deutschen Virologie Stimmen, die dies fordern.

Die Entwicklung der Pandemie zwingt jetzt auch die Uni Jena das hybrid geplante Sommersemester digital zu starten. War das nicht absehbar?

Wir haben uns als Unileitung im Einvernehmen mit den Gremien entschieden, auf Sicht zu fahren, um je nach Lage mehr Präsenz ermöglichen zu können. Diesen Kurs haben wir bereits im vergangenen Oktober festgelegt, da die Semesterplanung frühzeitig für alle erfolgen muss. Wir haben aber auch gesagt, dass wir Präsenz nur dort zulassen, wo sie didaktisch zwingend notwendig ist – als Ausnahme. Andersherum: Digitale Lehre ist die Regel. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen sind wir aber jetzt zu weitergehenden Einschränkungen gezwungen.

Ich habe bereits im Senat gesagt: Leider haben Sie keinen Propheten zum Präsidenten, doch eine Person, die als Arzt und Pharmakologe eine gewisse Sachkenntnis hat und sich mit vielen Gebieten der Medizin beschäftigt hat, auch wenn der wissenschaftliche Schwerpunkt auf dem Gebiet der molekularen Medizin lag. Das wiederum erlaubt mir, das Konzept der Impfstoffe und die Funktionsweise der Tests zu verstehen. Ich bin zwar kein Epidemiologe, verstehe aber als Pharmakologe etwas von klinischen Studien und der Zulassung von Arzneimitteln beziehungsweise Impfstoffen. Ich habe die Entwicklung, die die Pandemie seit März 2020 genommen hat, aber nicht vorhersehen können und ich bezweifle die Seriosität all derer, die sagen: Das musste ja so kommen.

Wie sicher sind wir denn an der Uni vor einer Covid-Infektion geschützt?

Mit unserem Infektionsschutzkonzept sind wir in der Lage, coronagerecht vor Ort zu lehren, zu lernen und zu arbeiten. Wir können dennoch nicht weiter öffnen: Die Politik sieht zurecht nach wie vor die Notwendigkeit, Mobilität und Kontakte einzuschränken. Das ist eben die politische Dimension, die keine weitere Öffnung zulässt. Deshalb gibt es auch Einschränkungen bei der Öffnung der Bibliothek, unter denen vor allem die Geisteswissenschaften leiden. Das Angebot der ThuLB geht allerdings über das der meisten großen Universitätsbibliotheken in Deutschland hinaus. Eine Erweiterung wird derzeit geprüft.

Nicht nur Ministerpräsident Ramelow spricht neuerdings von den TINA Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung: Testen, Impfen, Nachverfolgen und AHAAL-Regeln beibehalten. Wieso setzt die Uni das Testen nicht offensiver ein?

Nach Ostern wird dies auf dem Campus in einem Schnelltestzentrum möglich sein. Außerdem werden wir Mittel für Selbsttests bereitstellen für Beschäftigte, die nicht im Homeoffice arbeiten können und besonders viele Kontakte haben. Wir wollen darüber hinaus auch den Studierenden, die in Praktika oder praktischen Übungen anwesend sein müssen, zum Vorlesungsstart Selbsttests anbieten. Die Konzepte müssen noch mit den Fakultäten besprochen werden. Wer einen Schnelltest oder Selbsttest macht, ist bei einem negativen Ergebnis aber nicht von den Hygienemaßnahmen der Universität befreit. Diese müssen strikt weiterhin eingehalten werden. Deshalb wird es auch keine Erweiterung der Präsenz geben können, auch wenn viele dies mit der Einführung der Tests verbinden. Eine Testpflicht werden wir nicht einführen.

Ab April dürfen die Hausärzte impfen. Kann die Uni nicht auch ein Impfzentrum errichten, damit es schneller geht?

Wir bereiten uns als Arbeitgeber bereits darauf vor, die Beschäftigten vom Arbeitsmedizinischen Dienst impfen zu lassen, sobald uns dies genehmigt wird. Wichtig ist, dass die Impfreihenfolge gemäß den Beschlüssen von Bund und Ländern eingehalten wird. Deshalb werden zunächst Personen geimpft werden, die beispielsweise Vorerkrankungen haben und daher besonders gefährdet sind. Dann kommen die dran, die großem Publikumsverkehr ausgesetzt sind, z. B. in der Bibliothek. Es gibt verschiedene Gruppen an unserer Universität, die für sich ein Impfprivileg einfordern und von mir erwarten, dass ich diese Forderung öffentlich vertrete. Dazu sage ich – auch als Arzt, dass zuerst die vulnerablen Gruppen geimpft werden müssen. Warum sollte die Hochschullehrerin vor der Verkäuferin geimpft werden, die doch auch jeden Tag Kontakt zu Menschen hat? Das kann ich nicht nachvollziehen.

AstraZeneca leidet unter einem Vertrauensverlust. Werden Sie sich damit impfen lassen?

Ja, ich habe dies vor und nehme den Impfstoff, den man mir anbietet. Gerne auch AstraZeneca. Es ist ein Glücksfall – und eine enorme wissenschaftliche Leistung, dass innerhalb einer extrem kurzen Zeit mehrere wirksame Impfstoffe entwickelt wurden. Niemand konnte wissen, welcher Kandidat sich durchsetzt und zugelassen wird. Deshalb war die breite Streuung des Risikos bei der Bestellung von Impfstoffen durch die EU richtig. Wie wichtig es ist, breit aufgestellt zu sein, sieht man jetzt daran, dass AstraZeneca nur noch den über 60-Jährigen empfohlen wird. Durch die Streuung können wir unterschiedlichen Gruppen bald den jeweils passenden Impfstoff anbieten.

Die Politik befasst sich viel mit Kitas und Schulen. Über Hochschulen wird öffentlich wenig geredet. Sind Studierende als Gruppe weniger im Blick der Politik?

Das denke ich nicht. Zum Vorlesungsstart am 12. April richtet der Bundespräsident eine Ansprache an die Studierenden, auf die ich sehr gespannt bin. Ich wüsste nicht, dass er sich schon einmal so explizit an eine andere Bevölkerungsgruppe gewandt hat. Gesellschaftlich denke ich, dass die Öffnung von Schulen und Kindergärten eine wesentlich dringendere Angelegenheit ist, weil hier Bildungsdefizite und pädagogische Defizite entstehen, die wir nicht aufholen können. Deswegen muss die Politik Schulen und Kindergärten früh wieder öffnen. Studierende kommen mit Online-Lehre grundsätzlich besser klar als Kinder und Jugendliche.

Wie wirkt sich das Online-Lernen denn aus? Gelingt es den Studierenden?

Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Im Großen und Ganzen aber schon. Wo Nachteile entstehen, arbeiten wir mit dem sogenannten Nachteilsausgleich. Der Landtag hat jetzt auch die Regelstudienzeit um zwei Semester verlängert. Es ist aber immer unser Ziel gewesen, dass die Abschlüsse und Prüfungen erfolgen können, weshalb wir als Universität selbst Sonderregeln geschaffen haben. Mehr als alles andere fehlt den Studierenden aber der persönliche Austausch.

In einigen Schulen in Mainz und in Jena wurden auch auf Betreiben von Wissenschaftlern Luftreiniger in den Klassenräumen aufgestellt. Kann das ebenfalls ein Modell für die Uni sein, um wieder zur Normalität zurückzukehren?

Von der Sache her, sind Kitas und Schulen anders zu betrachten als Unis. An einer Universität kann ich besser regelnd eingreifen: Nehmen wir beispielsweise die Abstandsregel, die ich zusammen mit der Maskenpflicht für sehr wichtig halte. Die ist für eine Uni wesentlich leichter umzusetzen. In Schulen und vor allem in Kindergärten geht es wuseliger zu. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Lüftungsgeräte in den Klassenzimmern etwas bringen. An der Uni haben wir einen Versuch mit dem sogenannten Mainzer-Modell laufen. Auch wird ein Dutzend Räume in einem Pilotprojekt mit Luftreinigern ausgestattet. Dafür haben sich viele interessiert und waren enttäuscht, als sie hörten, dass die Geräte nicht das Lüften ersetzen können oder von den Masken befreien.

Als internationale Universität ist der Austausch auf Kongressen im Ausland essentiell. Bleibt 2021 alles digital oder werden wir wieder reisen können?

Meine Prognose ist, dass mit Einschränkungen Reisen im Herbst wieder möglich wird. Ich würde es aber nicht gut finden, wenn man an das alte Niveau anknüpfen würde. Wir sollten unsere Erfahrungen mit digitalen und hybriden Formaten auch künftig nutzen. Sie ermöglichen vielen die Teilnahme, die bisher ausgeschlossen waren, weil sie aus finanziellen, sozialen oder gesundheitlichen Gründen nicht reisen konnten. Vom Klimaschutz ganz zu schweigen.

Müssen wir uns auf Reisen vor weiteren Mutationen des Coronavirus fürchten?

Nicht, wenn wir konsequent die Regeln einhalten. Zwar ist die britische Virusvariante ansteckender als das ursprüngliche Virus. Aber auch für die neuen Mutationen, wie die südafrikanische, gilt: Wenn wir die Infektionsschutzkonzepte einhalten, sind wir auch davor ziemlich gut geschützt.

Wie viele Menschen leiden auch die Studierenden unter der sozialen Isolation. Sie sind der Pandemie müde. Wie lange halten wir das noch aus?      

Die Müdigkeit verstehe ich und kann sie selbst gut nachfühlen. Sie stellt sich auch bei mir ein und die Situation ist schwer erträglich. Die bestehenden Defizite im Alltag gehen an die Substanz. Wir haben Studierende, die jetzt ins dritte Semester kommen und noch keinen normalen Unialltag auf dem Campus erleben konnten. Unter diesen Umständen in einen neuen Lebensabschnitt zu starten und beispielsweise digital Freundschaften zu schließen, das ist keine leichte Sache. Trotzdem müssen wir weiter durchhalten. Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen zu sagen, dass demnächst wieder alles gut wird. Doch mit den Impfungen kommt das Licht am Ende des Tunnels in großen Schritten näher.

 

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