Der neue Professor für Altorientalistik, Johannes Hackl.

Der Hüter der Keilschrifttafeln

Der Altorientalist Prof. Dr. Johannes Hackl lehrt und forscht jetzt an der Universität Jena
Der neue Professor für Altorientalistik, Johannes Hackl.
Foto: Jürgen Scheere (Universität Jena)
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Meldung vom: | Verfasser/in: Stephan Laudien

Es habe einen ganz besonderen Reiz, mit Texten zu arbeiten, die seit tau­senden Jahren nicht mehr gelesen wurden, sagt Prof. Dr. Johannes Hackl. Der Österreicher ist neuer Inhaber des Lehrstuhls für Altorientalistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Leidenschaft sind Keilschrifttafeln aus Babylonien, tönerne Zeugnisse aus der Frühzeit der menschlichen Zivilisation. „Mein Interesse gilt insbesondere der Zeit um das 6. Jahrhun­dert vor Christus“, sagt Johannes Hackl. Heißt, er liest Keilschrifttexte, die in Sumerisch oder Babylonisch-Assyrisch (Akkadisch) verfasst wurden, den wichtigsten altorientalischen Spra­chen. Ein spezielles Interesse Hackls gilt den jüngeren babylonischen Dialekten des Akkadi­schen. Mit dem Erschließen der Texte lassen sich Geschehnisse jener längst vergangenen Zeiten rekonstruieren. Dennoch bleibt es ein dynamisches Forschungsgebiet: „Noch heute werden bei Ausgrabungen spannende Funde gemacht“, sagt Johannes Hackl. Weitere Ent­deckungen seien in Museen möglich, denn längst nicht jeder Text wurde bereits übersetzt.

Das Privatarchiv einer babylonischen Unternehmerfamilie enträtseln 

Das Lesen und Übersetzen der Keilschrifttexte ist natürlich kein Selbstzweck. Die Texte in Form von Urkunden, Briefen und Listen geben detaillierte Einblicke in den Alltag vor 2.500 bis 3.000 Jahren, sie legen Wirtschaftsbeziehungen ebenso offen wie soziale Strukturen. Einer breiteren Öffentlichkeit seien freilich vor allem literarische Texte bekannt, konstatiert Johan­nes Hackl. Eine Sternstunde seines Faches feierte der britische Assyrologe George Smith, dem es 1872 gelang, die Sintfluterzählung des Gilgamesch-Epos zu übersetzen. Dadurch ent­deckte Smith die Parallelen zu den bekannten Passagen in der hebräischen Bibel. Solche spek­takulären Funde bleiben sicherlich die Ausnahme, ausgeschlossen sind sie jedoch nicht.

Gegenwärtig arbeitet Prof. Hackl an einem Privatarchiv, das im Irak geborgen wurde. Geführt über mehrere Generationen, dokumentiert es das Alltagsleben einer Familie, die in der Land­wirtschaft unternehmerisch tätig war. „Manche der Texte gehören archivalisch zu Texten, die im Vorderasiatischen Museum in Berlin und im Louvre in Paris aufbewahrt werden“, sagt Jo­hannes Hackl. Damit werfen die Keilschrifttafeln zugleich ein Schlaglicht auf die Sammlungs­ge­schichte: Westliche Forscher und Sammler kauften im späten 19. und frühen 20. Jahrhun­dert wahllos an, was ihnen gefiel. Lokale Händler und Raubgräber profitierten ebenfalls vom Interesse der Europäer und Amerikaner. Das stellt Forscherinnen und Forschern die Aufgabe, mühsam Zusammenhänge zwischen einzelnen Textfunden herzustellen. Der illegale Antiken­handel mit archäologischen Funden bleibt bis heute ein lukratives Geschäft. Das Archiv, das Johannes Hackl zusammen mit einer irakischen Kollegin bearbeitet, wurde von der iraki­schen Antikenbehörde konfisziert und dem Irakischen Nationalmuseum in Bagdad überge­ben.

Die Keilschrifttafeln sind ein unschätzbarer Vorteil für Studierende 

Johannes Hackl ging in Freistadt (Oberösterreich) zur Schule und studierte in Wien Altorien­talische Philologie und Orientalische Archäologie. Das Interesse für Geschichte war schon in der Schule ausgeprägt und wurde durch einen charismatischen Geschichtslehrer weiter be­feuert. Einen ganz besonderen Reiz hatten die Sprachen für ihn, sagt Prof. Hackl, deshalb der Schwerpunkt Philologie. Seine Promotion mit dem Titel „Materialien zu Recht, Wirtschaft und Gesellschaft im Nordbabylonien der spätachämenidischen und hellenistischen Zeit – Urkun­denlehre, Archivkunde, Texte“ verfasste er in Wien. Danach ging Hackl als Humboldt-Stipen­diat nach Leipzig. Dort entstand seine Habilitation mit dem Titel „Untersuchungen zur Perio­disierung des Neubabylonischen“.

Seine neue Wirkungsstätte Jena sei für ihn etwas Besonderes, sagt Johannes Hackl: „Jena war ja mit Friedrich Delitzsch faktisch der Geburtsort der deutschen Altorientalistik.“ Sei es doch maßgeblich die Begegnung mit dem Alttestamentler Schrader im Gasthof Zur Sonne gewesen, die Delitzsch bewog, seine Sanskritstudien aufzugeben und sich ganz den Keil­schrifttafeln und dem Babylonisch-Assyrischen zuzuwenden. Jenseits dieser historischen Finesse glänze Jena besonders durch die Hilprecht-Sammlung altorientalischer Altertümer, so der 40-Jährige. Prof. Hackl betreut die zweitgrößte Sammlung ihrer Art in Deutschland, ist mit der wissenschaftlichen Bearbeitung und Digitalisierung betraut. Zudem sei es gerade in der Lehre ein unschätzbarer Vorteil, wenn die Studierenden die originalen Keilschrifttafeln selbst in die Hand nehmen können.

Johannes Hackl ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Leipzig. In seiner Freizeit fährt er gern Rennrad, er liebt das Bergwandern und beschäftigt sich auch privat mit Sprachen.

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Johannes Hackl, Prof. Dr.