Prof. Rafael Biermann ist Partner im Kompetenznetz „Kooperation und Konflikt im östlichen Europa“.

Konfliktforschung zum östlichen Europa bündeln

Die Universität Jena ist Teil des Kompetenznetzes „Kooperation und Konflikt im östlichen Europa“
Prof. Rafael Biermann ist Partner im Kompetenznetz „Kooperation und Konflikt im östlichen Europa“.
Foto: privat
  • Forschung

Meldung vom: | Verfasser/in: Axel Burchardt

In einem vom Bundesforschungsministerium (BMBF) mit rund drei Millionen Euro geförderten Kompetenznetz werden bundesweit sechs Einrichtungen – darunter die Universität Jena – die Forschung zu Konflikten im östlichen Europa in den kommenden vier Jahren bündeln und weiterentwickeln. In der Region kommt es immer wieder zu gewaltsamen und bis heute andauernden Auseinandersetzungen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist das jüngste und eklatanteste Beispiel, das die Forschungsfragen und -bedingungen des Netzwerks herausfordert.

Das östliche Europa beschäftigt die Friedens- und Konfliktforschung seit vielen Jahren. Nirgendwo sonst gab es seit dem Ende des Kalten Krieges so viele, teils bis heute ungelöste Sezessionskonflikte und neue Staatsgründungen. Dabei darf der Blick auf anhaltende Konflikte den Blick auf Kooperationsentwicklungen nicht verstellen. So konnte der Sezessionskonflikt um Transnistrien in Moldawien zwar nicht beigelegt werden, aber in den vergangenen Jahren wurden pragmatische Lösungen für Alltagsprobleme gefunden und offene Kommunikationswege zwischen Chişinău und Tiraspol geschaffen.

Konflikte und Kooperationen analysieren

Das Kompetenznetz „Kooperation und Konflikt im östlichen Europa“ (KonKoop), das in diesem Monat seine Arbeit aufgenommen hat, untersucht vor diesem Hintergrund die Konflikt­konstellationen, aber auch Dynamiken von Kooperation in Osteuropa, Südosteuropa, Zentralasien und dem Kaukasus. Das Netzwerk wird vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) koordiniert. Neben dem Lehrstuhl für Inter­na­tionale Beziehun­gen der Universität Jena sind das Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuro­pa­forschung (IOS) in Regensburg, das Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig, die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNEE) sowie das Leibniz-Zentrum für Zeithisto­rische Forschung (ZZF) in Potsdam beteiligt.

Es gibt in Deutschland hervorragende Forschung und viel Praxiswissen zu unterschiedlichen Konflikten im östlichen Europa, aber sie liegen bisher nur verstreut vor und werden deshalb auch international zu wenig wahrgenommen. Diese Expertise soll das Kompetenznetz bün­deln“, erklärt die wissenschaftliche Direktorin des ZOiS, Gwendolyn Sasse. „Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine stellt uns vor die Herausforderung, Osteuropa-, Konflikt-, und Fluchtforschung noch gezielter zu verknüpfen und zu kommunizieren“, führt sie weiter aus.

Wie Konflikte im östlichen Europa entstehen

In fünf Themenfeldern wollen Forschungsteams herausfinden, wie Konflikte im östlichen Europa entstehen, welche Akteure beteiligt sind und welche Faktoren sie vorantreiben oder deeskalieren, aber auch welche Bedingungen Sicherheit garantieren oder Kooperation ermöglichen.

  • Wann kommt es bei einer politischen Neuordnung, wie dem Zerfall der Sowjetunion oder Jugoslawiens, zu gewaltsamen Konflikten?
  • Welche Bedeutung haben ethnische oder religiöse Identitäten und Zuschreibungen?
  • Welche Rolle spielen wirtschaftliche Interessen bei der Entstehung, aber auch bei der Lösung von Konflikten?
  • Wie wirken sich Umweltwandel und Ressourcenknappheit aus?
  • Was bedingt den Spielraum für Friedensverhandlungen und die Umsetzung von Friedensabkommen?
  • Wie kann eine Sicherheitsordnung in Europa in Zukunft gestaltet und institutionalisiert werden?

Fragen wie diese müssen sowohl für unterschiedliche Orte als auch für unterschiedliche Zeitpunkte oder Konfliktstadien vergleichend untersucht werden, und sie erfordern die Expertise unterschiedlicher Fachrichtungen. Zu diesem Zweck führen die Netzwerkpartner ihre regionale und inhaltliche Kompetenz zusammen. Eine multidisziplinäre und standort­über­greifende Nachwuchsgruppe wird gebildet und gemeinsam mit erfahrenen Forschenden des Netzwerks und internationalen Partner zusammenarbeiten.

Beziehungen zwischen Patronen und Klienten in Sezessionskonflikten

Der Lehrstuhl für Internationale Beziehungen der Universität Jena erforscht im Netzwerk vor allem die Beziehungen zwischen Patronen und Klienten in Sezessionskonflikten. Dieser neue Forschungszugang, zu dem Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Rafael Biermann bereits im September 2021 eine internationale Tagung in Jena abhielt, befasst sich mit den weltweiten Prozessen der Abspaltung von Territorien von bestehenden Staaten. Im Mittelpunkt der Forschungen an der Universität Jena stehen die Interaktion zwischen sezessionistischen Gruppen (Klienten) und ihren externen staatlichen und nicht-staatlichen Unterstützern (Patrone). Russland ist mit seiner militärischen, politischen und wirtschaftlichen Unterstützung der Sezessions­gebilde in der Ukraine (Donbass), Georgien (Abchasien und Südossetien) und Moldawien (Transnistrien) der prominenteste Fall, der die Bedeutung solcher Beziehungen für die Konfliktlösung drastisch vor Augen führt. Durch die Patronage von USA, EU und NATO für die Mutterstaaten Ukraine, Georgien und Moldawien kommt es dabei zu einer Rivalität zwischen Russland und westlichen Sponsoren, deren Aktualität offensichtlich ist. Geza Tasner wird sich als Doktorand am Jenaer Lehrstuhl, gefördert vom Verbundprojekt, intensiv mit solchen Patron-Klienten-Beziehungen im östlichen Europa und darüber hinaus vergleichend befassen, einen weiteren internationalen Workshop in Jena wie auch öffentliche Veranstaltungen organisieren.  

Die Jenaer Wissenschaftler bringen die Ergebnisse ihrer Forschung in ein Datenlabor des Netzwerkes ein, das die Ergebnisse der Forschungen bündelt und der Fachgemeinschaft verfügbar macht. In einem Visualisierungslabor will das Netzwerk zudem die Ergebnisse für Wissenschaft, Vermittlungsakteure, Medien und die Öffentlichkeit sichtbar und nachvoll­ziehbar machen.

Kontakt (in Jena):

Professur Internationale Beziehungen
Rafael Biermann, Univ.-Prof. Dr.
Inhaber Lehrstuhl
Raum 435
Carl-Zeiß-Straße 3
07743 Jena