Gemälde "Der Traum", Odilon Redon, 1904

Tagung: Die ambivalente Macht der Phantasie

10.–12. Juni 2026
Gemälde "Der Traum", Odilon Redon, 1904
Foto: Privatsammlung, Genf

Programm

Die Phantasie (griech. φαντασία; lat. phantasia, imaginatio) gilt in der philosophischen Tradition als ein ambivalentes Phänomen. Von Aristoteles wird sie in De anima zwischen der Erklärung der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit und der des Denkvermögens behandelt. Im 18. Jahrhundert kommt es zu einer Neubewertung der Leistung der Einbildungskraft. Immanuel Kant unterscheidet in der Kritik der reinen Vernunft epochemachend zwischen der „reproduktiven Einbildungskraft“ und ihrer „produktiven“ Variante, die als ein Vermögen a priori gefasst wird. Kants Aufwertung der produktiv-schöpferischen Einbildungskraft ist wirkungsmächtig. In seiner Anthropologie klingt aber auch eine Skepsis an, die sich seit Platon fortschreibt: „Wir spielen oft und gern mit der Einbildungskraft; aber die Einbildungskraft (als Phantasie) spielt eben so oft und bisweilen sehr ungelegen auch mit uns“ (Akad.-Ausgabe 7, 175). Um die Wende hin zu einer Konzeption von Einbildungskraft und Imagination, in der diese als Produktivkräfte neu entdeckt, zugleich aber auch problematisiert werden, geht es im Sommersemester 2026 in einer Ringvorlesung und in einer das Semester beschließenden internationalen Tagung. Denn selbst auf dem Höhepunkt ihrer Affirmation bleiben Phantasie und Einbildungskraft umstritten. Um 1800 findet sich neben dem Enthusiasmus der Romantik für die Leistungen der Imagination auch eine zugespitzte Reflexion der Gefahren ihrer Entfesselung. Dies zeigt sich in konträren Einschätzungen ihrer Qualität: als ultimatives Erkenntnis- oder als Illusionsmittel, als Handlungsstimulans oder als träumerische Kompensation. Die Vortragenden der Ringvorlesung haben „die ambivalente Macht der Phantasie“ auf Gegenwartsphänomene bezogen. Die Tagung wird sich der historischen Entwicklungen widmen. Systematisch zeichnen sich verschiedene Bereiche ab, in denen die Neuvermessung von Phantasie und Einbildungskraft ihre Wirkung entfaltet: Im Mittelpunkt des Interesses stehen neben der Erkenntnistheorie, der Ästhetik und den Künsten die psycho-sozialen und politischen Funktionen des imaginativen Entwurfsvermögens.

Veranstalter
Jenaer Zentrum für Romantikforschung in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „Imaginamics“ der Friedrich-Schiller-Universität

Ort
Volkshaus Jena, Raum: Clara und Eduard Rosenthal
07743 Jena, Carl-Zeiss-Platz 15

Programm


MI, 10. JUNI: HISTORISCHE GRUNDLAGEN

16.00 Uhr Begrüßung und Auftakt 
16.30 Uhr Dr. habil. Johannes-Georg Schülein Bochum, Philosophie Von der Konstitution der Erfahrung zur Antizipation der Zukunft: Die Freisetzung der Einbildungskraft um 1800
17.30 Uhr Prof. (apl.) Dr. Benjamin Specht Erlangen, Germanistik Eingebildet? Die Phantasie der „Schwärmer“, die „Transzendentalisierung der Einbildungskraft“ und Ludwig Tiecks Der getreue Eckart und der Tannenhäuser Pause
19.00 Uhr Prof. Dr. Cordula Grewe Bloomington, Kunstgeschichte Fantasia als dunkle Macht, oder Über die Höhen und Untiefen des Überphantasierens

DO, 11. JUNI: HISTORISCHE GRUNDLAGEN UND IHRE FORTSCHREIBUNGEN

9.00 Uhr Prof. Dr. Sebastian Domsch Greifswald, Anglistik 
What does ChatGPT say about the Romantic Imagination?

10.00 Uhr Prof. Dr. Karin Westerwelle Münster, Romanistik „
Königin der menschlichen Vermögen“ („la reine des facultés“). Imagination, Phantasie und Phantasmagorie im Werk von Charles Baudelaire Pause

11.30 Uhr Prof. Dr. Friedrich Weltzien Hannover, Kunstgeschichte / Wahrnehmungspsychologie
Zur Körperlichkeit der Einbildungskraft. Romantische Schwingungslehren und agentieller Realismus Mittagspause

14.00 Uhr Prof. Dr. Jennifer Gosetti-Ferencei Baltimore, Philosophie
Elsewhere and Otherwise, Here and Now: the Ambivalent Ecology of Literary Imagination

15.00 Uhr Prof. Dr. Samantha Matherne Boston, Philosophie
Beauty and the Promise of Imagination Pause

16.30 Uhr Prof. Dr. Meike Sophia Baader Hildesheim, Pädagogik
Ambivalenzen der Phantasie in pädagogischen Konzepten der Moderne Abendpause

18.30 Uhr Podiumsgespräch mit Prof. Dr. Martin Hielscher, Dr. Thomas Klupp und Prof. Kathrin Röggla Ist literarisches Imaginieren lehr- und lernbar?

FR, 12. JUNI: BLICK IN DIE GEGENWART

9.00 Uhr Prof. Dr. Henning Schmidgen Weimar, Medienwissenschaft 
Täuschung oder Gestaltung? Für eine Neubetrachtung des Spiegelstadiums

10.30 Uhr Prof. Dr. Tilman Reitz Jena, Soziologie
Die Phantasie an der Macht: Politische und epistemologische Probleme des kollektiven Imaginären

11.15 Uhr Prof. Dr. Oliver Marchart Wien, Politikwissenschaft
„Concrete Fantasy“. Toward a Realist Theory of Political Imagination

Abschlussdiskussion mit Prof. Dr. Oliver Marchart und Prof. Dr. Tilman Reitz 

Exposés zu den Vorträgen und weitere Informationen finden Sie auf der Website: https://romantik-zentrum.uni-jena.de/tagungen-ringvorlesung.htmlExterner Link