Internationale Talente in Thüringen halten
Studie der Universität Jena zeigt Wege für einen erfolgreichen Übergang internationaler Studierender in den Thüringer Arbeitsmarkt
Gruppe Studierender auf dem Weg zur Vorlesung am Campus Inselplatz der Universität Jena
Foto: Christoph Worsch (Universität Jena)
- Internationales
Meldung vom: | Verfasser/in: Irena Walinda
Internationale Studierende bieten ein erhebliches Potential für die Fachkräftesicherung in Thüringen. Viele können sich vorstellen, nach ihrem erfolgreichen Abschluss im Freistaat zu bleiben. Damit sie tatsächlich bleiben, braucht es jedoch mehr als attraktive Arbeitsplätze. Eine Studie der Universität Jena zeigt, was Unternehmen, Hochschulen und weitere Akteure tun können, damit aus dem Studienort ein langfristiger Arbeits- und Lebensmittelpunkt wird.
Entscheidend sind demnach gute Deutschkenntnisse, Kenntnisse über Bewerbungsprozesse, frühzeitige Kontakte zu regionalen Unternehmen und eine Unternehmenskultur, die internationale Beschäftigte willkommen heißt. Hochschulen können internationale Studierende gezielt auf den Berufseinstieg vorbereiten; Unternehmen wiederum können ihre Rekrutierungsprozesse und Arbeitsbedingungen stärker für internationale Bewerberinnen und Bewerber öffnen.
Das sind zentrale Handlungsempfehlungen des Forschungsprojekts »ARAPiS – Analyse der Rolle und des Arbeitsmarkt-Potenzials internationaler Studierender der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Kontext Thüringens«. Im Projekt wurde untersucht, welche Faktoren den Übergang internationaler Studierender in den Thüringer Arbeitsmarkt erleichtern und welche Hürden ihm entgegenstehen.
Wie groß das Potenzial internationaler Studierender für die Fachkräftesicherung ist, zeigt unter anderem ein kürzlich veröffentlichtes Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), das der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in Auftrag gegeben hat. Für den Jahrgang 2022 mit rund 79.000 internationalen Studienanfängern berechnet das IW je nach angenommener Bleibequote langfristig einen Überschuss für die öffentlichen Haushalte von 7,4 bis 26 Milliarden Euro – das heißt: Die Steuern und Sozialabgaben internationaler Hochschulabsolventinnen und -absolventen, die im Laufe ihres Erwerbslebens geleistet werden, übersteigen die öffentlichen Ausgaben für Studium und weitere staatliche Förderungen deutlich.
Viele wollen bleiben – doch der Berufseinstieg ist eine Hürde
Für Thüringen ist diese Frage besonders relevant, denn das Bundesland steht vor tiefgreifenden demografischen Umbrüchen. Internationale Studierende leben bereits mehrere Jahre im Freistaat, kennen ihr Umfeld und bauen während ihres Studiums soziale und berufliche Kontakte auf. Allein die Universität Jena entlässt jährlich rund 400 internationale Absolventinnen und Absolventen in den Arbeitsmarkt. Viele internationale Studierende können sich grundsätzlich vorstellen, nach ihrem Abschluss in Thüringen zu bleiben. Der Übergang vom Studium in den Beruf erweist sich jedoch als entscheidende Phase.
Im Projekt ARAPiS wurden deshalb sowohl internationale Studierende, Absolventinnen und Absolventen als auch Thüringer Unternehmen befragt. Dabei zeigt sich unter anderem, dass Sprachkenntnisse, Bewerbungskompetenzen, Kontakte zu Arbeitgebern und die Offenheit von Unternehmen wesentliche Faktoren für einen erfolgreichen Berufseinstieg sind.
»Als Hochschulen müssen wir internationale Studierende noch stärker dafür sensibilisieren, welche Bedeutung gute Deutschkenntnisse für ihren Einstieg in den regionalen Arbeitsmarkt haben«, sagt Dr. Claudia Hillinger, Leiterin des Internationalen Büros und des Career Point der Universität Jena sowie Projektleiterin von ARAPiS. »Gleichzeitig kann Integration nur gelingen, wenn auch Unternehmen auf internationale Absolventinnen und Absolventen zugehen und ihnen eine echte Chance geben.« So könnten beispielsweise Unternehmen Möglichkeiten prüfen, wie der Erwerb von Deutschkenntnissen im Arbeitsalltag gelingen kann.
Unternehmen frühzeitig mit internationalen Studierenden zusammenbringen
Ein wichtiger Ansatzpunkt ist nach den Ergebnissen von ARAPiS der frühzeitige Kontakt zwischen Studierenden und regionalen Arbeitgebern. Praktika, Werkstudierendentätigkeiten, Abschlussarbeiten in Kooperation mit Unternehmen und Netzwerkveranstaltungen können internationalen Studierenden Einblicke in den Thüringer Arbeitsmarkt ermöglichen und zugleich Unternehmen Gelegenheit geben, potenzielle Fachkräfte kennenzulernen.
Die Studie empfiehlt Unternehmen zudem, ihre Rekrutierungsprozesse daraufhin zu überprüfen, ob internationale Bewerberinnen und Bewerber tatsächlich erreicht werden. Dazu gehören verständliche Stellenausschreibungen, die transparente Kommunikation der benötigten Deutschkenntnisse und – wo möglich – englischsprachige Informationen. Unternehmen können außerdem davon profitieren, ihre Sichtbarkeit gegenüber internationalen Studierenden zu erhöhen und Hochschulangebote zur Vernetzung stärker zu nutzen.
Sprache und Bewerbungskompetenzen gezielt fördern
Auch die Hochschulen sind gefragt. Internationale Studierende sollten frühzeitig über die Anforderungen des deutschen und regionalen Arbeitsmarktes informiert werden. Neben fachlichen Qualifikationen spielen insbesondere Deutschkenntnisse und Kenntnisse über Bewerbungsprozesse eine wichtige Rolle.
Sprachenzentren, Career Services und andere Hochschuleinrichtungen können hier mit Sprachkursen, individueller Beratung, Bewerbungstrainings, Vorträgen und Netzwerkveranstaltungen unterstützen. ARAPiS empfiehlt zudem, die Bedeutung des Spracherwerbs stärker an internationale Studierende heranzutragen und sie möglichst früh im Studium für berufliche Perspektiven nach dem Abschluss zu sensibilisieren.
Willkommenskultur ist Aufgabe der gesamten Organisation
Die Unternehmensbefragung zeigt unterschiedliche Einstellungen gegenüber der Beschäftigung internationaler Fachkräfte – von großer Offenheit und bereits etablierten Erfahrungen bis hin zu deutlicher Zurückhaltung. Die Handlungsempfehlungen setzen deshalb nicht allein bei der Rekrutierung an. Die nachhaltige Integration internationaler Fachkräfte kann für Unternehmen einen Veränderungsprozess bedeuten, der die gesamte Organisation betrifft und gegebenenfalls professionell und sensibel begleitet werden muss.
Dazu gehört, die Belegschaft auf die Zusammenarbeit in internationalen Teams vorzubereiten und interkulturelle Kompetenzen zu schulen. Gleichzeitig sollten Unternehmen Anlauf- und Meldestrukturen schaffen, an die sich internationale Mitarbeitende wenden können, wenn sie Diskriminierung erfahren. Eine gelebte Willkommenskultur bedeutet damit nicht nur, internationale Fachkräfte zu gewinnen, sondern ihnen ein Arbeitsumfeld zu bieten, in dem sie Unterstützung erfahren, sich beruflich entwickeln und langfristig Teil der Belegschaft werden können.
Auch Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft spielen eine unterstützende und vernetzende Rolle. Empfohlen werden unter anderem Weiterbildungs- und Beratungsangebote für Unternehmen und Hochschulen sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Career Services und regionalen Arbeitgebern. Englischsprachige Informations- und Unterstützungsangebote können internationalen Studierenden, Absolventinnen und Absolventen dabei zunächst den Zugang zu Unternehmen und zum Arbeitsmarkt erleichtern. Sie ersetzen jedoch nicht den Erwerb deutscher Sprachkenntnisse, die für eine langfristige berufliche Integration eine zentrale Voraussetzung bleiben.
»Internationale Studierende haben sich mit ihrem Studium bereits für Thüringen entschieden. Dieses Potenzial sollten wir nicht ungenutzt lassen«, sagt Hillinger. »Damit aus einem Studienort aber auch ein dauerhafter Arbeits- und Lebensmittelpunkt wird, braucht es die Zusammenarbeit von Hochschulen, Unternehmen und weiteren Akteuren in der Region.«
Über ARAPiS
Am Forschungsprojekt „Analyse der Rolle und des Arbeitsmarkt-Potenzials internationaler Studierender der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Kontext Thüringens (ARAPiS) waren die Arbeitsgruppe Wirtschaftsgeographie um Prof. Dr. Sebastian Henn sowie das KomRex – Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration mit Prof. Dr. Tobias Rothmund und der Professur für Kommunikations- und Medienpsychologie sowie das Internationale Büro und der Career Point der Universität Jena beteiligt.
ARAPiS wurde aus Mitteln des Struktur- und Innovationsbudgets des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft gefördert.
Der Abschlussbericht mit den ausführlichen Handlungsempfehlungen für Unternehmen, Hochschulen und internationale Studierende ist unter career.uni-jena.de/5214/arapis abrufbar. Eine englischsprachige Fassung soll ebenfalls veröffentlicht werden.
Kontakt:
Claudia Hillinger, Dr.
- sekretariat-ib@uni-jena.de
- Telefon
- +49 3641 9-401500
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