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Geheimhaltung als Grundprinzip

Historikerin Dr. Katharina Lenski veröffentlicht Studie über das Wirken der Stasi an der Universität Jena
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13.06.2018
Die Historikerin Dr. Katharina Lenski von der Universität Jena. Foto: Jan-Peter Kasper/FSU Die Historikerin Dr. Katharina Lenski von der Universität Jena.
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Das Bild des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR ist geprägt durch die zahlreichen Enthüllungen über sogenannte Inoffizielle Mitarbeiter (IM), also die kleinen Spitzel, die Nachbarn, Kollegen und nicht selten eigene Familienangehörige ausspionierten. Allzu leicht verstellt der Blick auf die IMs jedoch die Sicht auf die hauptamtlichen Mitarbeiter und den Apparat der Stasi. Die Historikerin Dr. Katharina Lenski von der Universität Jena hat über die Strukturen der Stasi und ihre Tätigkeit an der Universität geforscht und ihre Ergebnisse inzwischen publiziert.

Die Arbeit liefert auf der Basis des Modells der Kommunikationsräume erstaunliche Einblicke in die Tätigkeit einer Geheimpolizei, die sich nach 1961 zunehmend als Geheimbürokratie profilierte. Erstaunlich ist vor allem, wie sehr sich die alltägliche Geheimhaltung an der Universität durchsetzte, die eigentlich dem offenen Diskurs verpflichtet ist. Deren Beschreibung und tiefschürfende Analyse ist ein maßstabsetzender Verdienst dieser mit "summa cum laude" bewerteten Studie.

Akribisch Biografien rekonstruiert

Akribisch hat die Historikerin etwa 600 Biografien von Universitäts- und MfS-Funktionsträgern rekonstruiert. Dabei griff Lenski auf eine Vielzahl  jener MfS-Akten zurück, die aus geschredderten Unterlagen wiederhergestellt wurden. "Viele Leerstellen ließen sich nur durch Querüberlieferungen schließen", sagt Katharina Lenski. Doch nicht nur die Überlieferungen der Behörde für die Stasiunterlagen (BStU), sondern auch staatliche und private Überlieferungen ergeben mit den Universitätsakten in der Zusammenschau das Bild eines Apparates, in dem viele kleine und große Beteiligte einen reibungslosen Ablauf sicherstellten.

In ihrem Buch "Geheime Kommunikationsräume? Die Staatssicherheit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena" belegt Katharina Lenski, dass die besten Chancen auf eine Wissenschaftskarriere jene hatten, die Wissenschaftler waren und zugleich Funktionär, Parteisoldat und Geheimagent: "Die fachliche Eignung rückte gegenüber der Geheimhaltungskompetenz, Prinzipienfestigkeit und Parteitreue immer weiter in den Hintergrund", so Dr. Lenski. Zu diesem Befund gehöre auch, sich von der Illusion zu verabschieden, die Universität Jena habe die DDR-Zeit als eine "Insel des Geistes" überlebt und sei nach 1989/90 wieder zum Leben erweckt worden.
 
"Der universitäre Kommunikationsraum war mit Wänden der Geheimhaltung  und des Schweigens durchzogen", konstatiert Katharina Lenski. Lediglich die offizielle Ebene sei für alle Akteure sichtbar gewesen. Dagegen war eine inoffizielle Ebene nur einem Kreis von Mitarbeitern zugänglich, die sich der Geheimhaltung verpflichtet hatten. Dabei, so Lenski, doppelten sich zuweilen formale Berufspositionen mit den Funktionen innerhalb der verborgenen Kommunikations- und Entscheidungsketten, wenn beispielsweise ein Prorektor im Geheimen, ein Parteisekretär offiziell mit der Stasi zusammenarbeitete.

Exemplarisch: der Fall Roland Jahn

Die paranoid anmutende Geheimhaltungspraxis verschärfte sich mit der zunehmenden Militarisierung der Universität, die mit der 3. Hochschulreform der DDR einsetzte. Konstituiert und verstärkt wurde die Abschottung innerhalb des universitären Raumes durch Feindbilder, die oftmals aus dem Fundus der sowjetischen Geheimpolizei stammten. Da war von Saboteuren, Agenten oder Diversanten die Rede; es wurde strikt im Freund-Feind-Schema gedacht. Letztlich führte es dazu, "dass geheim gehaltene Personenkreise auf der Grundlage abstrahierender Feindbilder im Geheimen gegen Dritte vorgingen". Dieses Vorgehen galt "Abweichlern" oder anderen Personen, die sich dem vorgegebenen Weg verweigerten. Wobei es ausreichte, den Betroffenen das Etikett "Abweichler" anzuheften.

Prominentes Beispiel ist die Exmatrikulation von Roland Jahn im Jahr 1976. Jahn studierte Wirtschaftswissenschaften in Jena und er war bereits mit einer Hypothek an die Universität gekommen: Im Abiturzeugnis war vermerkt, er müsse sich "noch stärker um einen klaren sozialistischen Standpunkt bemühen". Ausweis dessen wären die Mitgliedschaft in der SED gewesen, konforme Kommunikation und die Bereitschaft, sich als Reserveoffizier zu verpflichten. Drei Forderungen, die Roland Jahn nicht erfüllte.

Zum Verhängnis wurde dem Studenten Roland Jahn schließlich, dass er es wagte, öffentlich konkret zu sprechen. Er stellte in der Seminargruppe Fragen zur Ausbürgerung Wolf Biermanns, nicht ahnend, dass sein Dozent sich bei der Stasi um eine hauptamtliche Stelle beworben hatte. "Roland Jahn hatte mit seiner Frage die Alltagspraxis der Geheimhaltung durchbrochen", sagt Katharina Lenski. So wurde er - mittels eines pro forma durch seine Kommilitonen in der FDJ-Gruppe initiierten Verfahrens - schließlich exmatrikuliert.

Lenski belegt, welche konspirativen Wege eingeschlagen wurden, um die Exmatrikulation anzuordnen und durchzusetzen. Das Zusammenspiel von öffentlichen und geheimen Rochaden führte letztlich zum Erfolg, wobei der Anschein der Rechtmäßigkeit gewahrt wurde. Der Fall Roland Jahn, das zeigt Katharina Lenskis Studie, war lediglich einer von vielen.

Bibliographische Angaben:
Katharina Lenski: "Geheime Kommunikationsräume? Die Staatssicherheit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena", Campus Verlag, Frankfurt/M. 2017, 618 Seiten, 45 Euro, ISBN: 978-3-593-50780-4

Kontakt: 

Dr. Katharina Lenski
Historisches Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Fürstengraben 13, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944041
E-Mail:

 

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