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Stigma Hartz IV

Warum die „aktivierende Arbeitsmarktpolitik“ gescheitert ist

Arbeitssuche_kasperDer Arbeitssoziologe Prof. Dr. Klaus Dörre hat als Leiter einer sechsköpfigen Arbeitsgruppe die sozialen Folgen der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik untersucht. Finanziell gefördert wurde die Studie "Entsteht eine neue Unterschicht? Erwerbsorientierungen und Institutionen an der Schnittstelle von Langzeitarbeitslosigkeit und Niedriglohnbeschäftigung" durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Während des über sieben Jahre laufenden Projekts wurden Betroffene der Hartz-Gesetze mehrfach befragt. Jüngst sind die Ergebnisse erschienen.

Prekäre Vollerwerbsgesellschaft

Im Zuge der Hartz-Gesetzgebung sei die "aktive" Arbeitsmarktpolitik durch die sogenannte aktivierende abgelöst worden, konstatiert Klaus Dörre. Zu den Hauptmerkmalen dieses Paradigmenwechsels gehört es, dass den Erwerbslosen Bewährungsproben auferlegt werden, um sie zu aktivieren.

Parallel zu diesem Paradigmenwechsel habe sich das Beschäftigungssystem von einer fordistischen Vollbeschäftigungs- zu einer prekären Vollerwerbsgesellschaft gewandelt. Eine Gruppe hierbei sind die Um-Jeden-Preis-Arbeiter, zu denen die Soziologen Selbstständige zählen. Zudem gibt es noch den Typus der Als-Ob-Arbeiter. "Das können auch Ein-Euro-Jobber sein oder Leute, die ehrenamtlich in einem Verein beschäftigt sind", sagt Klaus Dörre.

Einer solchen - scheinbar regulären Tätigkeit - gehen auch die sogenannten Bürgerschaftlich-Engagierten nach. Da sie keine Chance mehr sehen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, finden sie im ehrenamtlichen Engagement die Möglichkeit eines sinnerfüllten Lebens. "Gradmesser bleibt für die Mehrheitsgesellschaft noch immer die existenzsichernde Erwerbsarbeit", sagt Prof. Dörre. Deshalb empfinden die meisten Hartz-IV-Empfänger ihren Status als Leistungsbezieher auch als Stigma.

Insgesamt fällen die Jenaer Soziologen ein klares Urteil über die Hartz-Reformen: "Der entscheidende Punkt ist, dass die aktivierende Arbeitsmarktpolitik nichts aktiviert." Die Menschen würden sich im Laufe ihres Lebens ihre Erwerbsorientierung aneignen, diese sei relativ stabil und könne nicht einfach umgeformt werden. Deshalb sei auch der mit den Hartz-Gesetzen einhergehende Kontrollapparat teuer und letztlich sinnlos.         sl

Kontakt:
Prof. Dr. Klaus Dörre
Tel.: 03641 / 945520
E-Mail:

Angebot für Jobsuchende. Wer jedoch gar nicht arbeiten will, lässt sich auch nicht durch Sanktionen "aktivieren".

Foto: Kasper


letzte Änderung:  am 2013-11-05 13:48:28   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang