Elias von Kreta schreibt einen Kommentar zu Gregor von Nazianz

Graduiertenkolleg 2792

im Entwicklungsbereich "Grundlagen Europas in Antike und Mittelalter"
Elias von Kreta schreibt einen Kommentar zu Gregor von Nazianz
Bild: UB Basel
Elias von Kreta schreibt einen Kommentar zu Gregor von Nazianz Elias von Kreta schreibt einen Kommentar zu Gregor von Nazianz Bild: UB Basel

DFG-Graduiertenkolleg 2792:
Autonomie heteronomer Texte in Antike und Mittelalter

Das DFG-geförderte interdisziplinäre Graduiertenkolleg erforscht Texte aus Antike und Mittelalter, die in bewusste Abhängigkeit von Vorlagen treten und in diesem Sinne "heteronom" sind. Zu dieser bislang nicht systematisch im Zusammenhang erfassten Gruppe verwandter Textformen zählen Kommentare, Paraphrasen, Kompendien, Lexika, Chroniken, Sammlungen, wiedererzählte Romane u.ä. Solche Texte trugen in Antike und Mittelalter entscheidend zur Entfaltung von Kultur und Wissenschaft bei. Sie werden disziplinenübergreifend daraufhin untersucht, wie sie durch aktualisierende Auswahl und Verarbeitung ihrer Vorlagen auf verschiedenen Ebenen – wissenschaftlich, kulturell, formal, ästhetisch – eine ihnen eigene "Autonomie" ausbilden.

In diesem Rahmen sind an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum 1. Januar 2023 und zum 1. Januar 2025

2 x 12 Stellen zur Promotion (65 %, TV-L E13)
als Wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in (m/w/d)

in einem altertumswissenschaftlichen oder mediävistischen Fach
der Philosophischen, Rechtswissenschaftlichen oder Theologischen Fakultät zu besetzen.

Die Stellenausschreibung zum 1. Januar 2023 finden Sie hier [pdf, 1 mb].

Des Weiteren ist zum 1. Januar 2023 eine Stelle als Koordinator/in am Graduiertenkolleg (75 %, TV-L E13) zu besetzen. Die Stellenausschreibung finden Sie hier. [pdf, 1 mb]

Hier [pdf, 1016 kb] finden Sie das Plakat des GRK zum Download.

Sprecherin / Sprecher des GRK 2792

Prof. Dr. Katharina Bracht (Theologische Fakultät)
E-Mail: katharina.bracht@uni-jena.de
Zur Website


Prof. Dr. Matthias Perkams (Philosophische Fakultät)
E-Mail: matthias.perkams@uni-jena.de
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Beteiligte Wissenschaftler*innen

Prof. Dr. Hannes Bezzel (Altes Testament)
Prof. Dr. Katharina Bracht (Kirchengeschichte)
Prof. Dr. Susanne Daub (Mittellateinische und neulateinische Philologie)
Prof. Dr. Achim Hack (Mittelalterliche Geschichte)
Prof. Dr. Jan Dirk Harke (Römisches Recht)
Jun.-Prof. Dr. Sophie Marshall (Germanistische Mediävistik)
Prof. Dr. Karl-Wilhelm Niebuhr (Neues Testament)
Prof. Dr. Matthias Perkams (Antike und mittelalterliche Philosophie)
Prof. Dr. Timo Stickler (Alte Geschichte)
Prof. Dr. Rainer Thiel (Klassische Philologie/ Latinistik)
Prof. Dr. Meinolf Vielberg (Klassische Philologie/ Gräzistik)

Weitere Informationen zum GRK 2792

Forschungsfelder Eintrag erweitern
Schaubild Forschungsfelder im GRK Schaubild Forschungsfelder im GRK Grafik: Bracht/ Perkams

Die Struktur des Graduiertenkollegs ergibt sich aus einem Netz von vier miteinander verbundenen Forschungsfeldern. Sie umfassen vier Gruppen heteronomer Texte, die sich in unterschiedlicher Abhängigkeit von ihren Vorlagen bzw. ihrem Prätext bewegen.

1) Commentarius: Das erklärend-exegetische Feld

Ein typisches Kennzeichen der Gattung ist eine enge Textorientierung, die sich als konservierende Heteronomie in unterschiedlichen Formen äußern kann. Die Form entsteht in der Kaiserzeit. Sie ist mindestens mit Alexander von Aphrodisias um 200 n. Chr. voll entwickelt und blüht, in wissenschaftlichen Kommentaren wie in Predigten und vielem anderen, weiter bis ins Mittelalter.

2) Continuatio: Das fortschreibend-ergänzende Feld

Ein weiterer Typ der konservierenden Heteronomie sind die verschiedenen Formen der Fortsetzungsliteratur, die es aus der Antike und dem Mittelalter gibt. Ihr Kennzeichen ist, dass der Prätext bei einer Fortschreibung im Prinzip unverändert gelassen, aber ergänzt wird.

3) Collectio: Das anthologisch-enzyklopädische Feld

Dieses Feld umfasst die Sammlungs- und enzyklopädische Literatur, deren gemeinsames Merkmal ist, dass im Sinne einer rekonstituierenden Heteronomie verschiedene Exzerpte, die hierfür mit bestimmten Techniken bearbeitet und geordnet werden, einen neuen Text oder dessen Kern bilden. Die spezifische Leistung des Autors besteht hier in der Auswahl und Neuanordnung des Materials bis hin zur literarischen Gestaltung, in der Kapitelgliederung sowie in vielen Fällen in eigenständigen Vorworten. Ferner fallen in dieses Feld solche Fälle, in denen der neue Text gekennzeichnete Zitate oder nicht gekennzeichnete Auszüge zusammenstellt und mit eigenen Worten des Autors zu einem organischen Ganzen verbindet.

4) Renarratio: Das paraphrastisch-diegetische Feld

Eine weitere Form der rekonstituierenden Heteronomie ist die Nacherzählung bzw. Paraphrase eines anderen Textes, die wir unter dem Schlagwort „Renarratio“ zusammenfassen. Hier wird der Prätext nicht in seiner wörtlichen Form transponiert, sondern in der Regel mit eigenen Worten wiedergegeben.

Heteronome Texte - Formen und Beispiele Eintrag erweitern

Zum weiten Feld der heteronomen Texte, das in Dissertationen bearbeitet werden kann, gehören namentlich folgende Texte. Nicht wenige weisen zwei Formen von Heteronomie gleichzeitig auf.

Collectio

Alle Formen von Sammelwerken, namentlich

  • die großen Zitatensammlungen der Überlieferungsliteratur (Stobaios, Anthologia Palatina, Apophtegmata patrum etc.)
  • Lexika und Kompendien, die durch systematisches Zusammenstellen verschiedener Materialien entstanden sind (Suda, Isidor von Sevilla, Petrus Lombardus, Celsus, Alexander von Tralleis, Oreibasios etc.)
  • Sammlungen von Gesetzestexten (Institutiones, Digestae, Decretum Gratiani etc.)
  • Sammlungen von Biographien und doxographischen Meinungen (schon bei Aristoteles, später bei Aetios, Diogenes Laertius etc.)
  • Sammlungen von Belegtexten (Abaelard, Sic et Non; Moralium dogma philosophorum etc.)
  • Zusammenstellungen von Quaestionen, Briefen, Predigten, Rezepten (z.B. bei Gregor dem Großen), Fabeln (Aesop), Prooemien und Hypothesen zu Schulautoren etc.
  • antike und mittelalterliche Handschriften und Editionen, die Texte in (mehr oder weniger systematischer Weise) anordnen und Paratexte (Überschriften, Gliederungen) hinzufügen (z.B. Archetyp der Lukrez-Handschriften; Porphyriosʼ Edition Plotins)

Commentarius

Alle Formen kommentierender Literatur, namentlich

  • Kommentare verschiedener Formen, z.B. als fortlaufender Lemmakommentar, als Quaestionenkommentar, als Kommentar in Dialogform, als Katenenkommentar, als Glosse und Scholium usw.
  • weitere kommentarartige Texte und Textteile, z.B. Widerlegungen, die kritisch auf eine Vorlage eingehen, erläuternde Passagen in biblischen Texten (z.B. im Hebräerbrief zur Septuaginta) oder auch Predigten

Prätexte solcher kommentierender Texte (i.e. kommentierte Texte) sind

  • in der Theologie namentlich die Bibel (etwa von Philon, Hippolyt, Origenes, Methodius von Olympus, Ava von Göttweig, Petrus Comestor usw.) und gelegentlich anderes, z.B. Glaubensbekenntnisse oder die Sentenzen des Petrus Lombardus
  • in der Philosophie Aristoteles, Platon und andere klassische Texte (z.B. Epiktet, Enchiridion, Theoprast, Avicenna, der Liber de causis usw.)
  • in der Medizin die Werke des Hippokrates, Galen und später Avicenna
  • in der Rechtswissenschaft Werke älterer Juristen, kommentiert z.B. von Domitius Ulpianus und Iulius Paulus oder der Interpretatio zu den Paulussentenzen in der Lex Romana Visigothorum
  • in der Grammatik klassische Traktate wie Dionysius Thrax, Priscianus etc.
  • in der Auslegung literarischer Texte Klassiker wie Homer und Ovid
  • Kompendien wie diejenigen Isidors von Sevilla, die z.B. von Hrabanus Maurus kommentiert werden
  • ferner zahlreiche Texte, die ausgelegt oder widerlegt werden sollen

Continuatio

Fortschreibungs- und Vervollständigungsliteratur jeder Art, namentlich

  • fortgeschriebene Chroniken und Fortsetzungen historischer Werke (Rufins Fortschreiben der Kirchengeschichte Eusebs)
  • Fortsetzungen und Ergänzungen von Epen und Romanen
  • Fortschreibungen prophetischer und anderer heiliger Texte (z.B. Jeremiabuch, Psalmen Salomos)
  • Vervollständigungen und Ergänzungen wissenschaftlicher und literarischer Werke, z.B. Appendix Vergiliana, Vervollständigungen unvollendeter Werke des Thomas von Aquin, Duns Scotus und anderer
  • Ergänzungen und Erweiterungen hagiographischer Literatur (z.B. Martinellus)

Renarratio

Jegliche Nacherzählungen, die den Wortlaut ihrer Vorlagen verändern, namentlich

  • Paraphrasen wissenschaftlicher Texte (analog zu den Kommentaren unter „Commentarius“), z.B. des Caelius Aurelianus zu Soran,
  • eigene Darstellungen des Vorlagenstoffs, wie sie z.B. Avicenna und Albertus Magnus für aristotelische Werke liefern
  • Nacherzählungen literarischer Werke, z.B. wiedererzählte Romane oder Bibeldichtungen
  • freie Übersetzungen, die in eigenen Worten verfahren
  • Kompendien und Epitomen, die ihre Vorlage eigenständig verarbeiten (z.B. historische Breviarien wie die von Aurelius Victor, Eutrop oder Festus)
Studien- und Qualifizierungsprogramm Eintrag erweitern
Darstellung des Qualifizierungsprogramms Darstellung des Qualifizierungsprogramms Grafik: Bracht/ Perkams

Das Studienprogramm wird auf Deutsch und Englisch angeboten. Es ist in drei Qualifizierungsstufen mit sich dynamisch verringerndem Zeitaufwand darauf ausgerichtet, dass die Promovierenden aus den verschiedenen Disziplinen für die Promotion im

1. Jahr wissenschaftlich arbeitsfähig werden,
2. Jahr wissenschaftliche Vernetzung aufbauen und im
3./4. Jahr die Promotion abschließen und berufliche Orientierung gewinnen.

Das Studien- und Qualifikationsprogramm besteht aus obligatorischen Veranstaltungen (grün) und optionalen Angeboten (blau).

Die Basis wird von der jährlichen Klausurtagung sowie dem Kolloquium mit Theoriewerkstatt (2 SWS in der Vorlesungszeit) gebildet.

Darauf bauen ergänzende obligatorische Veranstaltungen mit z.T. wählbaren Themen auf, mit einem von Jahr zu Jahr sich verringerndem Zeitaufwand. Das 3. und ggf. 4. Jahr konzentriert sich ganz auf die Arbeit an der Dissertation.

Weitere optionale Angebote werden zum Teil jährlich, zum Teil je Qualifizierungsstufe wechselnd vorgehalten und können frei nach Lust und Laune wahrgenommen werden. Die Angebote sind familienfreundlich durch Kinderbetreuung und unter den Kollegiaten/innen abgestimmte Kollegzeiten. Wer mag, kann ein frauen- oder familienspezifisches Mentoring zur Unterstützung auf dem Weg zur Promotion nutzen.

Darüber hinaus hält die  Graduiertenakademie der Universität Jena ein vielfältiges Kursangebot bereit.

Bewerbungsverfahren und Termine Eintrag erweitern

Das zweistufige Bewerbungsverfahren besteht aus der schriftlichen Bewerbung und ggf. auf Einladung einem Assessment Center an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (vor Ort oder ggf. per Zoom).

Termine:
Bewerbungsfrist: 17. Juli 2022 (Stellenausschreibung)
Assessment Center: 18.-20. September 2022

Weitere Informationen zur Arbeit im Entwicklungsbereich "Grundlagen Europas in Antike und Mittelalter"

Beteiligte Fächer Eintrag erweitern

Theologische Fakultät

Philosophische Fakultät

 

  • Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie
  • Germanistische Literaturwissenschaft (Ältere deutsche Literatur)
  • Germanistische Sprachwissenschaft (Historische Sprachwissenschaft)
  • Anglistik/Amerikanistik (Mediävistik)
  • Musikwissenschaft

Rechtswissenschaftliche Fakultät

Fakultät für Biowissenschaften

  • Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaften: Prof. Dr. Christina Brandt
Ringvorlesung "Grundlagen Europas in Antike und Mittelalter" - Programme in Auswahl Eintrag erweitern
Publikationen Eintrag erweitern
Titelseite des Bandes "Heteronome Texte" Titelseite des Bandes "Heteronome Texte" Abbildung: De Gruyter

Neuerscheinung 

Katharina Bracht, Jan Dirk Harke, Matthias Perkams und Meinolf Vielberg (Hrsg.): Heteronome Texte. Kommentierende und tradierende Literatur in Antike und Mittelalter (Transmissions, Bd. 6), De Gruyter 2022.

„Heteronome Texte“ sind Texte, die in bewusste Abhängigkeit von Vorlagen treten. Sie bilden durch aktualisierende Verarbeitung auf verschiedenen Ebenen – wissenschaftlich, kulturell, formal, ästhetisch – eine je eigentümliche Autonomie aus, die zur Herausbildung der geistigen Grundlagen Europas beigetragen hat.
10 Studien stellen antike und mittelalterliche heteronome Texte aus Theologie und Philosophie, Medizin und den Rechtswissenschaften vor.

Weitere Informationen finden Sie auf der Seite des Verlags De Gruyter.

Weitere Publikationsreihen

Geschichte des Entwicklungsbereichs Eintrag erweitern

Ausführlichere Informationen zur Geschichte des Entwicklungsbereichs, zu Trägern und Strukturen sowie zu den Forschungsprojekten der Vergangenheit finden Sie hier.