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Ernst Abbe: Wertzuweisungen und Deutungskämpfe
Ernst Haeckel: Wurzel dei italienischen Philosophie

 

Forscher, Genie, Wertzuweisung

Wertzuweisungen und Deutungskämpfe um Ernst Abbe

 

Schon zu Lebzeiten des Jenaer Optikunternehmers und Physikers Ernst Abbe wurde von den Zeitgenossen dessen Leben und Werk nicht nur gewürdigt, sondern auch vielfältig beschrieben und ausgedeutet. Bei einem Blick in die bereits vor Abbes Tod und danach mit unterschiedlicher Konjunktur erschienenen Schriften treten divergierende, oftmals konkurrierende Interpretationen zu Tage. Dabei reicht das Spektrum der Wertzuschreibungen vom „Sozialisten" und Idealtypus deutscher Techniker- und Ingenieurstugenden bis hin zum „Führer zur Volksgemeinschaft". Dem Gros der Rezipienten galten Abbes Ideen zur betrieblichen Sozialpolitik, zur Wissenschaftspolitik und Unternehmensorganisation als Modell für Reformen in Deutschland.

Die Erinnerungsgeschichte zu Abbe liefert ein dichtes Netz von Querverweisen auf die Weltbilder und Denkweisen regional wie national angebundener technischer und bildungsbürgerlicher Eliten im 20. Jahrhundert. Gleichzeitig kristallisierten sich an Abbe und dem Jenaer Stiftungsmodell die Debatten um einen „Dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Sozialismus heraus.

Schon die Reden auf der Trauerfeier zu Abbes Tod am 17. Januar 1905 im Jenaer Volkshaus verdeutlichten diese Gemengelage unterschiedlicher Interpretationen. Abbes langjähriger Mitarbeiter und Freund Siegfried Czapski zeichnete das Bild eines der Wissenschaft und persönlichen Freiheit verschriebenen „deutschen Professors", den weniger der Gedanke an das Vaterland bewegt habe als vielmehr der an das „Allgemeinwohl". Czapski setzte sich auch in der Folgezeit gegen jegliche Versuche zur Wehr, Abbes unglaublich anmutenden Verzicht am Eigentum der Zeiss- und Schottwerke in einem rein politischen Kontext oder als Ausdruck von Abbes Charakter zu deuten. Vielmehr wollte Czapski die Gründung der Carl-Zeiss-Stiftung, die sozialpolitischen Maßnahmen in den Stiftungsbetrieben wie Alterspensionen, Kranken- und Urlaubsgeld und die Gewinnbeteiligung als Ergebnis sachlicher Erwägungen verstanden wissen.

Politische Einordnung schwierig

An Widerstand gegen Abbes Stiftungsprojekt hatte es nicht gefehlt. Viele sahen darin eine gefährliche Entwicklung, die den Aufstieg der Sozialdemokratie weiter befördere. Dagegen erhoben vor allem Abbes Weggefährten und Rezipienten aus dem liberal-freisinnigen Lager energisch Einspruch. Die Einordnung Abbes in das politische Koordinatensystem der Zeit fiel schwer. Dazu mag die positive Resonanz des Stiftungsprojekts von Seiten liberaler und christlicher Sozialreformer beigetragen haben, von denen sich Abbe letztlich auch inspirieren ließ. Jene Rezipienten sahen in Abbe einen Sozialreformer, der mit der Jenaer Stiftung vorexerziert hatte, was es an Fragen der Sozialpolitik wie Mindestlöhne, Betriebsverfassungen oder Arbeitslosengeld im Kaiserreich noch zu reformieren galt.

Auch der Sozialdemokrat Hermann Leber sprach auf der Trauerfeier. Für ihn ist Abbe selbst im Zeichen des noch herrschenden „Klassenkampfs" ein „Arbeiterfreund" gewesen und damit in der Unternehmerlandschaft weithin eine Ausnahme. Leber erblickte wie die Anhänger revisionistischer Ideen in der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften im „Jenaer Modell" Abbes einen Weg, die Gesellschaft schrittweise zum Sozialismus hinzuentwickeln. Sozialdemokratische Angehörige der Stiftungsbetriebe um den Ingenieur Paul Trenn wollten in dieser Weise mit der von ihnen gegründeten „Kulturgesellschaft Ernst Abbe" das Stiftungsmodell in Deutschland verbreiten. Praktisch realisiert werden sollte dies über den Erwerb von Industriebetrieben und deren nachfolgender genossenschaftlicher Umgestaltung zu „Abbe-Werken". Diese sozialistische Deutung wurde im liberalen Lager als klare Diskreditierung Abbe’scher Ideen verstanden. Der spätere Jenaer Bürgermeister Alexander Elstner hob deshalb zu einer Replik gegen die wirtschafts- und sozialpolitischen Ziele der Vereinigung unter Berufung auf Abbe an und konstatierte, dass eben Teile der Arbeiterschaft bei Zeiss nicht in der Lage seien, Abbes Größe zu erkennen.

Die Frage, wie sozialistisch Abbes Ideen und speziell die Stiftung eigentlich waren, wurde nach dem Ersten Weltkrieg in den Auseinandersetzungen um die Sozialisierung von Teilen der deutschen Industrie und den Diskussionen zum Betriebsrätegesetz wieder virulent. Eberhard Zschimmer, Glastechniker, seit 1899 wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1915 Mitglied der Geschäftsleitung bei Schott, mischte sich in eben diese Debatten ein und forderte die „Sozialisierung der Optischen Industrie".

Zschimmer lieferte eine bis in die DDR-Zeit reichende Deutung Abbes und der Jenaer Betriebe. Schon in dem 1909 von ihm herausgegebenen und vom Jenaer Maler Erich Kuithan illustrierten Prachtband „Die Glasindustrie in Jena – Ein Werk von Schott und Abbe" fanden die Versuche ihren Ausdruck, die Arbeit in modernen kapitalistischen Betrieben als Kunsthandwerk und Technik als positiven Faktor der Kulturentwicklung zu stilisieren.

Die Anerkennung von wirtschaftlicher Entwicklung und technischem Fortschritt und die gleichzeitige Verurteilung der damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die gesellschaftliche und natürliche Umwelt führte zur eigenartig anmutenden „Ungleichzeitigkeit" in der deutschen Moderne, wie es der Germanist Georg Bollenbeck oder Jeffrey Herf mit dem Begriff der „konservativen Modernisierung" in Deutschland beschreiben. Techniker, Ingenieure aber auch Naturwissenschaftler versuchten deshalb in den Diskursen über die kulturelle Deutungshoheit des „Deutschen" ihr Feld abzustecken und ihre Leitbilder entsprechend in den Kanon klassischer bildungsbürgerlicher Kulturwerte zu integrieren. Abbe schien als integrative Leitfigur gut geeignet.

Ernst Abbe hat die Geschichte Jenas in vielfältiger Weise geprägt. Doch sein Erbe erfuhr je nach herrschender Ideologie sehr unterschiedliche Interpretationen.

Foto: Archiv

Denkmal für den „Propheten"

Auch im 1911 eingeweihten Abbe-Memorial wurde dieser Synthese-Versuch deutlich. Zwar hatte sich Abbe selbst gegen mögliche posthume Ehrungen im größeren Stil zur Wehr gesetzt, doch schon kurz nach seinem Tod entstand unter der Arbeiterschaft der Stiftungsbetriebe eine erste Initiative, die nach einem anschließenden Denkmalstreit im Abbe-Denkmal mündete. Hier wurden das von Henry van de Velde geschaffene „Jenaer Sanktuarium", die im Inneren befindliche Abbe-Büste Max Klingers und die an den Wänden angebrachten Bronze-Reliefs Constantin Meuniers zu einem Gesamtkunstwerk vereinigt. Nach den Worten des Verlegers Eugen Diederichs, einem der Hauptinitiatoren des Denkmals, zeigt es Abbe als „Prophet" und Wagner. Abbe wurde von Diederichs und Teilen des Jenaer und Weimarer Kulturbürgertums in Verbindung zu „klassischen" Kulturwerten gebracht. Hier wurde eine Matrix an Wertvorstellungen und Bedeutungen sichtbar, für die sich nicht zuletzt Techniker und Ingenieure immer wieder einsetzten.

Einen wichtigen Brückenschlag bildete dabei der ursprünglich von der Literatur des Sturm und Drang und später im Zusammenhang mit deutscher Kulturentwicklung generalisierte Geniebegriff. Für den erwähnten Zschimmer war in diesem Zusammenhang der Techniker als Erfinder gleichbedeutend mit dem Philosophen, Dichter oder Künstler. Und Technik und Wirtschaft waren Faktoren zur allgemeinen Kulturentwicklung.

Dem Genie auf der Spur

Diese Deutungsperspektive wurde auch durch die erste im Frühjahr 1918 vom Jenaer Physiker Felix Auerbach verfasste Biographie fortgeschrieben. Die Publikation mit dem Titel „Ernst Abbe. Sein Leben, sein Wirken, seine Persönlichkeit", erschien in der vom Physikochemiker und Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald herausgegebenen Reihe „Große Männer. Studien zur Biographie des Genies". Ostwald setzte sich schon seit den 1880er Jahren mit zahlreichen Publikationen für die Popularisierung und Verbreitung der „exakten Naturwissenschaften" ein. Dies brachte ihn auch in Berührung mit dem Zoologen Ernst Haeckel und dem in Jena ins Leben gerufenen Monistenbund, dessen Vorsitzender Ostwald 1912 wurde. Auch hier ging es um den „Kulturwert" von Technik und Naturwissenschaft. Ostwald und Haeckel sprachen sich dabei für ein synthetisch-positivistisches Konzept aus. Abbe bot sich geradezu als Personifizierung einer solchen Philosophie an, da er den negativen Auswirkungen der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung die Spitze genommen habe.

Die Veröffentlichung einer Abbe-Biographie wurde schon im Dezember 1916 auf der staatsoffiziellen Feier anlässlich des 100. Geburtstags Werner von Siemens’ bekanntgegeben. „Denn", so ein Pressezitat, „unter den vielen verstorbenen Männern, welche die Technik in Verbindung mit der Wissenschaft gefördert haben", sollte vor allem Ernst Abbe geehrt werden. Die Wahl auf Abbe fiel nicht von ungefähr. An seiner Person ließen sich die aus Mangel an Rohstoffen in der zweiten Kriegshälfte immer wichtiger werdenden deutschen „Tugenden" des zielstrebigen Forschers, genialen Unternehmers und Ingenieurs durchdeklinieren sowie Ernst Abbes Selbstverständnis erfolgreicher Wissenschaft zelebrieren.

Nach 1918 wurden diese Wertzuschreibungen weiterbetrieben und zum Teil neu konfiguriert. Dies betraf die Stilisierung Abbes zum „Führer zur Volksgemeinschaft", so der Titel einer Publikation im Eugen Diederichs-Verlag. Demnach wäre Abbe nicht nur deutscher Genius, sondern auch ein mittelalterlich geprägter Mensch gewesen, dessen vermeintliche Idee von der Verbindung „aristokratischer Führung" und „demokratischer Selbstverwaltung" den Weg aus der politischen und wirtschaftlichen Sackgasse der Weimarer Republik weise.

Mit diesem Gedanken verband sich eine auch von zahlreichen Wirtschaftswissenschaftlern der Weimarer Zeit getragene Ablehnung liberaler Wirtschaftskonzepte angelsächsischen Vorbilds. Dies bezog sich besonders auf Henry Ford und die Arbeiten Frederick Winslow Taylors zur Produktionsorganisation. „Abbe und Ford", so der Titel einer Studie, wurden dabei nicht nur in ihren Konzepten gegenübergestellt. Vor dem Hintergrund der „Amerika Inflation" und des „Begeisterungstaumels" für Ford wurde den Lesern auch ans Herz gelegt, klar zwischen diesem und Abbe zu scheiden; weil Fords „Nützlichkeitsfanatismus" und ein gänzlich „untranszendenter Pragmatismus" gegenüber europäischem Denken „niemals Grundlage zu einem größeren Morgen" werden könne. Zudem sei Abbe gegenüber Ford Erbe und Träger deutscher Kultur, die „im Urgrund deutscher idealistischer Philosophie" wurzle.

Eine regelrechte Welle der Abbe- und Jena-Rezeption setzte 1932 nach dem Erscheinen des Buches „Deutschland so oder so?" ein. Der amerikanische Journalist Hubert R. Knickerbocker beschrieb darin seine Eindrücke von der durch Weltwirtschaftskrise und politischen Zerfall geprägten Schlussphase der Weimarer Republik. Im Vergleich dazu erschien Jena geradezu als Insel der Glückseligen.

Nach 1933 wurde beim Kampf um die „Produktionsschlachten" des Vierjahresplans vor allem die technisch-industrielle Deutungskomponente Abbes weitergeschrieben. Trotzdem konnte Abbe auch als historischer Zeuge befragt werden, wenn es um die Verteidigung der Forschungsautonomie gegenüber parteiideologischen Eingriffen ging. Im Vordergrund standen jedoch mehr die Zeiss-Werke als „Pflegestätte deutscher Wertarbeit" und als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb".

Nach 1945 verkehrte sich dieser Trend geradezu wieder ins Gegenteil. Abbe wurde nun in Zusammenhang mit dem „anderen Deutschland" gebracht. Als einer der „Pioniere der Menschheit" und als Vorbild der Jugend wurde er als „der praktische Gelehrte und bahnbrechende Sozialreformer" auch für die geistige Erneuerung und Entnazifizierung Deutschlands wieder interessant. Während sich die deutschen Bildungsbürger eifrig auf Goethes Humanismus als unverrückbare oberste Wertinstanz beriefen, um ihren während der NS-Zeit rein gebliebenen Geist zu untermauern, stimmten Techniker, Ingenieure und Naturwissenschaftler das Lied von der unpolitischen Wissenschaft und nur dem Fortschritt verpflichteten Technik an. Abbe verkörperte dabei gleich in doppelter Hinsicht all die guten Seiten des Deutschen in der Geschichte: erstens als „Idealmensch im Sinne Goethes" und zweitens als liberaler und reformorientierter Unternehmer und Wissenschaftler.

Die frühe DDR hatte allerdings im Gegensatz zur Bundesrepublik mit diesen Zuschreibungen zeitweise ihre Probleme. Die Überführung der Jenaer Stiftungsbetriebe in einen volkseigenen Betrieb und die gerichtlichen Auseinandersetzungen um Markenzeichen und Patente mit Zeiss-Oberkochen führten zum im Ton schrill vorgetragenen „Kampf gegen die Abbe-Legende".

Ähnlich verhielt es sich auch mit den Wertungen zum Verhältnis von Zeiss und Jenaer Universität im Umfeld des Jubiläums der Hochschule 1958. Über Umwege wurde jedoch auch Abbe in die sozialistische „Ahnenreihe" integriert. Schon in den 1950er Jahren hatte der Direktor des VEB Carl Zeiss Jena Hugo Schrade eine stärkere Verknüpfung von Forschung, Technik und Produktion gefordert und sich dabei ausdrücklich auf Abbe berufen. Mit der Feier zum 125. Geburtstag Abbes 1965 war dieser erinnerungsgeschichtlich in der DDR wieder rehabilitiert. Abbes „progressive Traditionen" schienen nach den Worten Schrades sogar erst in der DDR vollständig realisiert worden zu sein. Zwar wären die Zeiss-Werke unter Abbe kein sozialistischer Betrieb gewesen, aber es nähme nicht wunder, wenn Abbe die DDR heute als seine neue Heimstätte wählen würde. Es galt, das Vermächtnis zu bewahren und unter den neuen Bedingungen und Anforderungen „mit neuem Leben zu erfüllen", wie es Joachim Wittig in einem Band zum Nachwirken Abbes an der Jenaer Universität formulierte.

Oliver Lemuth

Abbes Leben und Werk erhielt vielfältige (Um-)Deutungen. Titelseite einer Publikation aus dem Eugen Diederichs-Verlag.

Foto: Archiv

Ein italienischer Philosoph

Ernst Haeckel hatte jenseits der Alpen viele Bewunderer

Die Figur des Jenaer Biologen Ernst Haeckel (1834-1919) nimmt im Rahmen der kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine herausragende Stellung ein. Keine andere deutsche Persönlichkeit wurde von der italienischen Öffentlichkeit damals als so charismatisch und vielseitig wahrgenommen. Die gewaltige Ausdehnung von Haeckels natur- und geisteswissenschaftlichen Interessen entsprach genau der Mentalität des frisch vereinigten Italien. Denn es verband seine Leidenschaften für europäische Erneuerungsideen mit dem Erfordernis einer Neubewertung der eigenen kulturellen Leistungen.

Aus diesem Grunde ist Haeckel ein unentbehrlicher Bezugspunkt für die Entstehung der italienischen Nationalphilosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Sein als wohlbegründet erscheinender Nationalismus hat sich der wichtigsten philosophischen Strömung Italiens in dieser Zeit, dem Positivismus, als Denkmuster eingeprägt, das dann für die Ausarbeitung einer allgemeinen Nationalphilosophie ausschlaggebend sein sollte.

Es ist vielleicht nicht unwichtig daran zu erinnern, dass die Rezeption von Haeckels Weltanschauung ihren glanzvollen Höhepunkt in Italien zu dem Zeitpunkt erreichte, als seine embryologischen Forschungen weltweite Aufmerksamkeit auf sich zogen und seine Bücher in viele Sprachen übersetzt wurden. Insofern ging hier der „Naturforscher" Haeckel dem „Philosophen" voran und ebnete diesem den Weg. Aber insgesamt betrachtet, sind die beiden Rezeptionsprozesse nicht voneinander zu trennen. Und sie zeigen in ihrer Verflechtung geradezu die perfekte Anpassung der Figur Haeckels an die kulturellen Veränderungen in Italien um 1900.

Ernst Haeckel (1834-1919) war nicht nur ein angesehener Naturforscher, sondern auch eine herausragende Persönlichkeit in den deutsch-italienischen Beziehungen.

Foto: Archiv

 

Nicht weniger als 24 Reisen

Zweifellos dauerte der kulturelle Prozess der italienischen Einigung länger als der Prozess der politischen Vereinigung. Gleichwohl deckte die Präsenz Haeckels mit seinen 24 Reisen nach Italien alle Phasen dieser komplexen Umwandlung ab. Es lässt sich zeigen, dass der Jenaer Forscher mit seinen populärwissenschaftlichen Werken ebenso wie mit seiner Lehrtätigkeit an dieser kulturellen und politischen Vereinigung einen großen Anteil hatte.

In diese Umwandlung war eine Bildungsreform einbezogen, die eine baldige Wieder-Teilnahme des vereinten Italien am „Konzert" der wissenschaftlich-fortschrittlichen „Großen" ermöglichen sollte. Die Reform der italienischen Universitäten diente der Unterstützung der Forschung und förderte insbesondere die Lehrtätigkeit von berühmten deutschen (oder deutschsprachigen) Wissenschaftlern – z. B. Moleschott (1822-1893), Herzen (1839-1906), Schiff (1823-1896).

Aber entscheidend für die Förderung der geistes- und naturwissenschaftlichen Forschung Italiens wurden die vom Bildungsministerium gestifteten Forschungsstipendien für den Besuch deutscher Universitäten. Philosophen wie Angiulli (1846-1890), Physiologen wie Oehl (1827-1903), Pathologen wie Bizzozero (1846-1901) oder auch Zoologen wie Giacomo Cattaneo (1857-1925) sind nur einige Beispiele für italienische Forscher, die in Berlin unter der Leitung des berühmten Philosophen Friedrich Adolf Trendelenburg (1802-1872) oder der Physiologen und Biologen Émil Du Bois-Reymond (1818-1896), Rudolf Virchow (1821-1902) und Oscar Hertwig (1849-1922) studierten. Hertwig war (mit seinem Bruder Richard) ein Student von Haeckel, der seit 1865 auch einen Dr. phil. h. c. an der Universität Jena bekommen hatte, und begleitete diesen 1871 und 1875 nach Italien zu meeresbiologischen Exkursionen.

Beides, der Aufenthalt deutscher Professoren an italienischen Universitäten sowie die erfolgreiche Ausbildungspolitik über Auslandsstipendien, diente dem Zweck, die „kulturelle Verspätung" aufzuholen. Um nun zu zeigen, dass Ernst Haeckel bei diesen Bemühungen eine große Rolle spielte, ist aus wissenschaftsgeschichtlicher Sicht keine große Anstrengung vonnöten: Allein die Ehrenmitgliedschaften Haeckels zeigen zur Genüge, was für eine herausgehobene Stellung und Präsenz Haeckel innerhalb des Einflusses der deutschen Wissenschaft auf den italienischen Sprachraum eingenommen hatte.

Zunächst verdrossen von Italien

Zwischen 1855 und 1860 absorbierte die wissenschaftliche Arbeit fast Haeckels gesamte Aufmerksamkeit. Er zeigte zu dieser Zeit noch wenig Interesse an wissenschaftlichen Gesellschaften sowie an der italienischen Kultur. Die Briefe aus Italien zu dieser Zeit verleihen vielmehr seinem Verdruss über die italienische und insbesondere die süditalienische Mentalität Ausdruck.

Viele italienische Arbeiten zum Monismus beruhen auf Haeckels Darstellungen und sind ihm – teiweise direkt, teilweise mittels Anschreiben – gewidmet.

Foto: Archiv

 

Durch die Veröffentlichung der „Origin of Species" von Charles Darwin wurde indessen nicht nur die Forschung, sondern auch die wissenschaftlichen Beziehungen des Jenaer Biologen tief beeinflusst: Mit seiner Entscheidung für Darwin suchte er die Vereinigung mit den wissenschaftlichen Kreisen in Italien voranzutreiben, wofür ihm seine italienischen Sprachkenntnisse sehr nützlich waren. Haeckel sprach aber auch sehr gut französisch, was für das Süditalien des 19. Jahrhunderts eine große Kommunikationshilfe war. Damit beginnt ein für Ernst Haeckel außerordentlich fruchtbarer Austausch mit der italienischen Kultur, die von nun an als mehr als eine organische Ergänzung seiner wissenschaftlichen Theorien behandelt wird.

Man darf auf der einen Seite nicht vergessen, dass der italienische Lebensraum Haeckels künstlerischen Fähigkeiten sehr entgegenkam. Seine Begabung für die Landschaftsmalerei und seine große Leidenschaft für das Meer lassen ihn Ligurien (insbesondere Rapallo) zu seiner zweiten Heimat wählen. Auf der anderen Seite ist daran zu erinnern, dass auch seine kmpferische Natur, die zum Teil apologetisch ist, die Bewunderung der italienischen Forscher auf sich zieht. Sie sahen in seinen wissenschaftlichen Konzeptionen (in der Form einer organisch zusammengefügten Weltanschauung) eine „Summa Theologica" des Darwinismus selbst. Diese Arbeiten stellten fr sie eine moralische und kulturelle Revanche für die von der katholischen Kirche ausgeübte Unterdrückung dar. Die italienischen Wissenschaftler sahen in Haeckels Schriften – in direkter Gegenüberstellung zur christlichen Religion – eine Verweltlichung der moralischen Verhältnisse und vor allem die Naturalisierung des Menschenursprungs.

Anteilnahme am Kulturkampf

Haeckels Einsatz bei der Errichtung eines Denkmals für den ketzerischen Philosophen Giordano Bruno in Rom stellt einen der Höhepunkte innerhalb seines Briefwechsels und seiner uneingeschränkten Anteilnahme am italienischen Kulturkampf dar. In diesem Kontext tritt er im Gewand eines beschützenden gottähnlichen Ausländers auf, der sich für einen von der katholischen Kirche unterdrückten Italiener einsetzt. Er wird damit zum geistigen Vater aller italienischen Positivisten, die sich immer mehr einer Form von kulturellem, nicht nur epistemologischem Monismus annähern. Haeckel macht damit aus seiner Jenaer Residenz „Villa Medusa" eine Art italienische Botschaft in Deutschland. Die Huldigung im „Stile veneziano" ist wohl mehr als ein Hinweis der Teilnahme Haeckels an einem ästhetischen Architekturstil: Es ist die Absicht, eine Kontinuität zwischen seinen Forschungs- und Lebensbereichen, seien sie deutsch oder italienisch, zu stiften.

Italienische Botschaft in Jena

Zur Zeit der Veröffentlichung der „Welträtsel" (1899) hat er bereits den Gipfel seiner Berühmtheit erreicht und empfängt in Jena Post aus ganz Italien – ob diese nun wichtige Akademiker senden, die bereits als Senatoren im Dienst des neuen italienischen Königtums stehen, oder einfache Forscher am Anfang ihrer Karriere, die nur wissenschaftlichen Beistand oder Schutz suchen.

Der Briefwechsel war somit größtenteils Ausdruck einer Wertschätzung und uneingeschränkten Bewunderung für Haeckel, auch dort, wo sich aufgrund der italienischen Mentalität eine schwache Neigung zeigte, unter Verweis auf eigene Beobachtungen den Jenaer Meister in lange und gelehrte briefliche Diskussionen über seine morphologische Methode zu verwickeln.

Aus der Masse der Briefe heben sich einige hervor – zum Beispiel derjenige des jungen Positivisten Andrea Angiulli, der bei allem formalen Respekt gegenüber Haeckel versucht, den Biologen in einen radikaleren Vergleich des Monismus und der Anthropologie mit einzubeziehen. Besondere Bedeutung hat auch ein Brief des Psychiaters und Positivisten Enrico Morselli, dem Gründer der „Rivista di Filosofia Scientifica", die von 1881 bis 1892 die philosophische, wissenschaftliche und ideologische Bühne in Italien dominiert hat. Für ihn war die charismatische Figur des Biologen aus Jena gar ein „Italienischer Nationalphilosoph".

Maurizio Di Bartolo

In der „Villa Medusa" lebte und arbeitete Ernst Haeckel. Dort empfing er auch zahlreiche Briefe von italienischen Kollegen und Bewunderern. Heute ist in dem Gebäude das Institut für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik der Universität untergebracht.

letzte Änderung:  am 2012-01-30 09:04:42   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang