Zurück zu den Sachen selbst

Internationale Tagung der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung 27.–29. September 2022 Friedrich-Schiller-Universität Jena Carl-Zeiss-Str. 3
Diese Veranstaltung ist beendet.
Veranstaltung beendet
Beginn
Ende
Veranstaltungsart
Tagung/Konferenz
Ort
Veranstaltungssprachen
Deutsch
Englisch
Barrierefreier Zugang
ja
Öffentlich
ja
Information

Hier finden Sie das Programm [pdf, 653 kb] der Tagung sowie den Abstract:
Der Kongress rückt die Praxis und Kernaufgabe der Phänomenologie, das Beschreiben konkreter Phänomene, in den Mittelpunkt. Das heißt insbesondere auch: Auf dieser Tagung sollen nicht vorrangig historische oder metatheoretische Fragen zur Phänomenologie, auch nicht die Werke von konkreten Phänomenologen diskutiert werden.Die Absicht ist, Phänomenologie als eine besondere Vollzugsform von Philosophieexemplarisch zu praktizieren; es sollen dezidiert Beschreibungen unterschiedlichster Phänomene entwickelt und in ihrer Geltung zur Diskussion gestellt werden – und zwar ausschließlich Beschreibungen, die in einem dezidierten Sinne phänomenologisch sind, weil sie zwei Kriterien erfüllen: erstens thematisieren sie ein Erlebnis als Erlebnis aus der Perspektive der ersten Person Singular und zweitens erheben sie den Anspruch, durch eidetische Variationen in der Erlebnisqualität notwendige Charakteristika für diese Art von Erlebnis bestimmen zu können. Bei der Auswahl der Phänomene strebt der Kongress einemöglichst große Breite an. Es werden sowohl Beschreibungen klassischer Phänomene –wie etwa die Wahrnehmung, Imagination oder das Zeiterlebens – diskutiert, wie auch Versuche, durch phänomenologisches Beschreiben Phänomene erst als Phänomene sui generis zu entdecken. Letzteres geschieht insbesondere durch das Beschreiben von alltäglichen Phänomenen – wie etwa Sucht, Wohnen oder auch Bewegung.
Der Titel der Tagung „Zurück zu den Sachen selbst“ ist ein bewusster, historischer Rückgriff, der sich so erklärt: Die Phänomenologie vertritt eine Methode, wie Philosophie praktiziert werden soll. Diese Methode wurde – nicht nur, aber insbesondere – von Edmund Husserl entwickelt. Ziel dieser Methode ist es, systematische philosophische Probleme zu bearbeiten – und dies in einer Weise, die rechtfertigt, von der Phänomenologie als einer Wissenschaft zu sprechen. Husserl war der Meinung, dass dieser Anspruch für jedePhilosophie notwendig ist, aber in den vorherrschenden Teilen der Philsophie seiner Zeit keine Rolle mehr spielen würde. Stattdessen sei innerhalb der Philosophie die Diskussion der Meinung anderer Philosophen in den Vordergrund gerückt; im schlimmsten Fall führe dies zu der historistischen Ansicht, dass es ausschließlich sozial und geschichtlich bedingte und damit psychologisch erklärbare Meinungen zu philosophischen Fragen gäbe. Gegen diese relativistische Tendenz formulierte Husserl seine programmatische Aufforderung „Zurück zu den Sachen selbst“. Er verstand diesen Aufruf ganz im Sinne eines Richters, der die Anwälte verstrittener Parteien streng auffordert, sich endlich wieder auf die zur Verhandlung stehende Sache einzulassen. Diese zur Verhandlung stehende Sache kann aus Sicht der Phänomenologie in der Philosophie ausschließlich ein Phänomen sein – das heißt: ein etwas, wie es für jemanden im Erlebnis gegeben ist. Nur ein Phänomen in seiner Erlebnisqualität erlaubt der Philosophie sichere Erkenntnisse zu erlangen. „Zurück zu denSachen selbst“ heißt daher immer auch: Zurück zu den Sachen, über die sich überhaupt aus der Sicht der Phänomenologie ernsthaft Philosophie betreiben lässt. Hinter Husserls programmatischer Aufforderung steht daher keineswegs nur die Idee, der Philosophie eine bestimmte thematische Ausrichtung zu geben, sondern sie ist der Ausdruck eines höchstmöglichen Anspruch auf Geltung. Eine phänomenologische Beschreibung ist eine Beschreibung, die einzig das beschreibt, was wahre Aussagen erlaubt – oder wie Hans Blumenberg es in der Beschreibung des Menschen auf den Punkt gebracht hat: „Die erreichbare Qualität der Erkenntnis bestimmt, welche Gegenstände den Rang der philosophischen erhalten, gleichgültig welchen Wertbetrag sie aus den sonstigen Motivationen des Erkennenden an sich ziehen können. Die Frage: Was können wir in Evidenz, in Selbstgegebenheit, als Phänomen haben? Was nicht auf diese Weise gewußtwerden kann, ist der phänomenologischen Anstrengung nicht würdig.“ (Frankfurt am Main2006, S. 10)
Für die Geschichte der Phänomenologie gilt, was so oft im Leben von Menschen beobachtet werden kann: Absicht und Realisierung, Idee und Durchführung, Anspruch und  Wirklichkeit liegen nicht immer eng bei einander. Ein Blick in die Programme einschlägiger Tagungen zur Phänomenologie oder in die Inhaltsverzeichnisse von phänomenologischen Buchpublikationen oder Zeitschriften – wie etwa auch die Phänomenologische Forschung –kann den Eindruck erzeugen: In nicht geringem Maße ist die phänomenologische Forschung mit Fragen befasst, von deren Thematisierung sich die Phänomenologie nach Husserl um der Philosophie willen gerade distanzieren wollte und sollte. Die Rezeptionsgeschichte der Phänomenologie – man denke nur an die Werke Martin Heideggers, Jean-Paul Sartres, Maurice Merleau-Pontys – ist einerseits ein sensationeller Erfolg, führte aber andererseits auch dazu, dass die phänomenologische Strömung selbst zum Objekt zahlreicher detaillierter historischer und metatheoretischer Studien wurde. Die nicht gewollte Kehrseite dieser Historisierung phänomenologischer Forschung ist, dass die Praxis und das Kerngeschäft der Phänomenologie, eben die Beschreibung von konkreten Phänomenen, teilweise aus dem Mittelpunkt der phänomenologischen Forschung getreten ist. Nicht zuletzt durch den akademischen Betrieb wird diese Tendenz beim wissenschaftlichen Nachwuchs regelrecht gefördert, wenn nicht gar verlangt. So hat es sich zur gängigen Normalität entwickelt, dass sich Abschlussarbeiten mit einem Schwerpunkt in der Phänomenologie – vom Bachelor über die Promotion bis hin zur Habilitation – nicht den Sachen selbst zu zuwenden, sondern den klassischen Meinungen über diese Sachen, um sich so selbst innerhalb einer Diskussion zu verorten.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Titel des Kongresses ganz bewusst nicht in Anführungszeichen gesetzt ist: Es soll hier nicht metasprachlich oder metatheoretisch um dieses Zitat bzw. diesen Gedanken bei Husserl gehen; es soll nicht um eine weitere programmatische Darstellung und abstrakte Interpretation der Stärken einer möglichen Phänomenologie gehen. Der Hintergrund der Tagung ist die Überzeugung, dass Husserls mahnender Zwischenruf, die systematischen Probleme nicht aus den Augen zu verlieren, nach mehr als einhundert Jahren Phänomenologiegeschichte auf Teile dieser Bewegung selbst zurückgewendet werden sollte, um so eine Stärkung der phänomenologischen Forschung durch eine Besinnung auf die ursprüngliche Idee zuerlangen. Um Missverständnisse bezüglich der Intention der Tagung auszuschließen: Mit diesem Konzept wird in keinster Weise metatheoretischen, werkgeschichtlichen und philosophiehistorischen Studien ihre philosophische Berechtigung abgesprochen oder auch nur im geringsten an ihrer Relevanz gezweifelt. Doch so wichtig diese Forschung ist, sie darf und kann nicht das Kerngeschäft der Phänomenologie – die Beschreibung von Phänomenen – ersetzen. Insofern ist das Kongressthema eine bewusste Reaktion auf den aktuellen Zustand der phänomenologischen Forschung: Es gibt in der Phänomenologie die Gefahr eines problematischen Verbleibens im bloß Programmatischen.
Der Kongress wird organisiert, um dieser Gefahr durch eine Erinnerung an das systematische Anliegen der Phänomenologie zu begegnen. Das ist jedenfalls die systematische Absicht der Tagung: die Diskussion der Probleme und Stärken praktizierter phänomenologischer Beschreibung. Diese kritische Diskussion – so ist der Kongress angelegt – basiert auf der Grundannahme, dass zwei Merkmale für eine phänomenologische Beschreibung unabdingbar sind, und die Auswahl der Vorträge geschah anhand des Kriteriums, dass die jeweils annoncierten Beiträge diese zwei Merkmale erfüllen:
1. Eine phänomenologische Beschreibungen ist eine Beschreibung aus der Perspektive der Ersten-Person-Singular. Es geht um Phänomene im spezifischen Sinne des Wortes, das heißt nicht um naturwissenschaftlich erfassbare Dinge oder Ereignisse, sondern um das Erlebnis von Dingen und Ereignissen jeglicher Art. Ganz im Sinne von Husserl muss eine phänomenologische Beschreibung eines Phänomenes dem „Prinzip aller Prinzipien“ verpflichtet sein, „daß alles, was sich uns in der ‚Intuition‘originär, (sozusagen in seiner leibhaften Wirklichkeit) darbietet, einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den Schranken, in denen es sich da gibt“ (Husserl, Ideen I (1913), in: Husserliana, Bd. 3, Den Haag 1950,S. 52, § 24).
2. Eine phänomenologische Beschreibung versucht Strukturen zu bestimmen, die für das Phänomen charakteristisch sind. Das systematische Ziel der Tagung besteht darin, in exemplarischen Beschreibungen vorzuführen, wie sich der Schritt von einer Phänomenographie hin zu einer Phänomenologie gehen lässt. Gerade dieser Anspruch ist von größter Bedeutung. Beschränkt sich eine Phänomenographie einzig darauf, zu beschreiben, wie etwas für jemanden ist, so ist der Versuch der Phänomenologie mit dem Anspruch verbunden, in den Phänomenen notwendige Strukturen bestimmen zu können. Es ist gerade dieser dezidierte Allgemeingültigkeitsanspruch der Phänomenologie, der  Schritt von der persönlichen Erzählung zur begründeten Aussage, der auf der Tagung diskutiert werden muss, weil die Phänomenologie sich zunehmend mit der bedenklichen Entwicklung konfrontiert sieht, dass der Begriff „Phänomenologie“ teilweise schon dann verwendet wird, wenn jemand nur sagt, wie er etwas erlebt, empfindet oder erfährt. Demgegenüber will die Tagung durch exemplarische Beiträge zeigen, dass eine phänomenologische Beschreibung weder durch deduktive Ableitung noch durch induktive Verallgemeinerung, aber eben doch durch eidetische Variationen in der Lage ist, notwendige Strukturen von Phänomenen zu bestimmen.