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„Open Access“: Pro und Contra

Was bedeutet das Publizieren im Internet für die Forschung?

"Open Access" bedeutet ungehinderten Zugang zu jedweder wissenschaftlichen Literatur über das Internet; Volltexte lesen, herunterladen, speichern, kopieren und drucken, ohne finanzielle, rechtliche oder technische Barrieren. Was als Bewegung Einzelner Anfang der 1990er Jahre seinen Anfang nahm, wird durch die anhaltende Zeitschriftenkrise forciert: Drastisch steigende Preise für wissenschaftliche Fachzeitschriften bei gleich bleibenden oder sinkenden Etats zwingen viele Bibliotheken und Wissenschaftler dazu, Journals abzubestellen. Die Folge: Der Zugriff auf wissenschaftliche Inhalte wird erschwert und der Ruf nach neuen Strukturen des wissenschaftlichen Publizierens immer lauter. "Open Access" führt zu einer Umverteilung der Kostenlast des Publizierens: Als "goldener Weg" gilt dabei die Erstveröffentlichung von Artikeln in "Open-Access"-Zeitschriften. Diese durchlaufen ein Peer Review-Verfahren zur Qualitätssicherung. Zur Finanzierung erheben "Open- Access"-Verlage u. a. Publikationsgebühren, die die Autoren selbst oder deren Institutionen bezahlen müssen. Die Alternative des "grünen Wegs" bezeichnet die zeitgleiche oder nachträgliche Archivierung von Artikeln als Pre- oder Postprint, die in traditionellen Journalen erscheinen. Preprints sind Manuskriptfassungen, die noch nicht begutachtet sind und deren wissenschaftliche Qualität somit noch nicht bestätigt ist. Postprints haben den Begutachtungsprozess bereits erfolgreich durchlaufen, enthalten allerdings oftmals noch Fehler oder von der Verlagsversion abweichende Formulierungen. Was die Wissenschaftler der Uni Jena von "Open Access"-Publikationen erwarten und wie sie sie nutzen, das ist in der Umfrage und - ausführlicher - im Internet zu lesen (www.uni-jena.de/journal). Sagen auch Sie Ihre Meinung, diskutieren Sie mit: www.forum.uni-jena.de.

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Pro: Ergebnisse bestmöglich nutzen

Ergebnisse bestmöglich nutzen

Stefan Lorkowksi sieht "Open Access" als Chance

Die Diskussion über das Für und Wider des Publizierens wissenschaftlicher Daten nach dem "Open Access"-Modell wird bereits seit einigen Jahren rege und durchaus kontrovers geführt. Meine Befürwortung ist vornehmlich im Grundgedanken von "Open Access" begründet: Alle mit öffentlichen Mitteln geförderten wissenschaftlichen Publikationen und Daten sollen öffentlich und frei zugänglich sein. Auf diese Weise soll die Gesellschaft größtmöglichen Nutzen aus den Ergebnissen ziehen können. Dies ist sicherlich das wichtigste Argument für "Open Access". Welch großes Potenzial hinter diesem Grundsatz steht, hat unter anderem das Humangenomprojekt gezeigt. Die frei zugänglich archivierten Genomdaten ermöglichten nicht nur zahlreiche fundamentale Erkenntnisse in der Grundlagenforschung, sondern führten auch zur Aufklärung der molekularen Ursachen von mehreren hundert Erbkrankheiten. Ohne die frei verfügbaren Daten, wäre dies kaum in so kurzer Zeit möglich gewesen.
  Die Notwendigkeit von "Open Access" wird auch durch den gesellschaftlichen Auftrag unterstrichen, den Wissenschaftler haben und der einen wesentlichen Teil ihrer Existenz rechtfertigt. Wissenschaftler an öffentlichen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen werden weitgehend vom Steuerzahler finanziert. Mit Recht folgt die Erwartung des Steuerzahlers auf ein Return of Investment in Form von nachhaltigen Erfindungen und Forschungsergebnissen. Letztlich stammt auch ein großer Teil der Forschungsmittel aus der Geldbörse des Steuerzahlers.

Finanzielle Diskrepanz beheben

Darüber hinaus ermöglicht "Open Access" auch Wissenschaftlern an Standorten mit unzureichender finanzieller Ausstattung den Zugang zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dies ist ein wesentlicher Schritt, um die Diskrepanz zwischen Industrienationen und Entwicklungs- und Schwellenländern im Wissenserwerb zu beheben.
  Die Bedeutung von "Open Access" ist demnach vornehmlich im Nutzen für die Gesellschaft begründet; jedoch ist die Forderung nach "Open Access" nicht frei von egoistischen Motiven des einzelnen Wissenschaftlers. So steckt hinter einer wissenschaftlichen Publikation meist ein langer und mühsamer Weg; daher sollte der Augenblick der Veröffentlichung keinen bitteren Beigeschmack dadurch erhalten, dass der Autor keinen Zugang zu seiner eigenen Veröffentlichung hat und sie beim Verlag erwerben muss (die Einführung von "Open Access" hat dazu geführt, dass Autoren inzwischen häufig eine Author's Copy für den Eigenbedarf erhalten). Ferner wird nach dem konventionellen Modell in der Regel jedwedes Recht zur Verwertung von Text- und Bildmaterial an den Verlag abgetreten. Ein weiteres wichtiges "egoistisches" Pro- Argument ist, dass Veröffentlichungen mit freiem Zugang häufiger gelesen und zitiert werden, was der Reputation des Wissenschaftlers und seiner Institution dient.
  Im vergangenen Jahr hat der Senat der DFG entschieden, die Publikation wissenschaftlicher Daten durch deutsche Universitäten in Zeitschriften mit "Open Access"-Modell finanziell zu unterstützen. Seit diesem Jahr können Universitäten eine entsprechende Förderung beantragen. Damit hat die einflussreichste deutsche Forschungsfördereinrichtung eine klare Position bezogen und Weichen gestellt: "Open Access" wird sich sicherlich auch in Deutschland mehr und mehr durchsetzen. Mir scheint daher die Diskussion um das Für und Wider von "Open Access" nicht mehr zeitgemäß. Nutzbringender ist hingegen eine Diskussion, wie "Open Access" am besten umgesetzt werden kann.
  Häufig vorgebrachte Vorbehalte gegenüber "Open Access" betreffen Qualität, Auffindbarkeit, Langzeitarchivierung und Authentizität der publizierten Daten. Für mich sind diese Argumente überraschend, da sie auch für Publikationen nach dem konventionellen Modell gelten. Auch hier gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Qualität und Authentizität. In den letzten Jahren haben zahlreiche Studien mit gefälschten, geschönten und fehlerhaften Daten in Zeitschriften mit traditionellem Publikationsmodell die Universalität dieser Probleme aufgezeigt. Auch die Indexierung in Datenbanken erfolgt in keiner Weise einheitlich und auch die Archivierung über die Existenz eines Verlages hinaus ist ein generelles Problem kleiner oder Non-Profit-Verlage. Schwerer wirken hingegen Argumente, die sich auf rechtliche Probleme oder die Finanzierbarkeit von "Open Access" beziehen. Hier sind jedoch angemessene und konstruktive Lösungen möglich bzw. bereits im Ansatz gefunden.
  Folglich ist "Open Access" keine Lösung für vorhandene Probleme; "Open Access" bringt durchaus Schwierigkeiten mit sich, deren Beseitigung jedoch lohnt, da der langfristige Nutzen vergleichsweise groß ist. Abschließend bleibt eine wesentliche Frage: Warum tun sich einmal mehr Wissenschaftler in Deutschland so schwer mit einer Neuerung? Andere führende Forschungsstandorte bringen "Open Access" eine wesentlich größere Akzeptanz entgegen und sind entscheidende Schritte weiter. Aufbau und Umsetzung von "Open Access" mit einer gut koordinierten Struktur stellen eine große Chance dar. Wir sollten sie nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen.

Lorkowski_Stefan_scheereProf. Dr. Stefan Lorkowski ist Professor für Biochemie der Ernährung der Universität Jena. Er veröffentlicht in "Open Access"-Medien und erwartet, dass frei zugängliche wissenschaftliche Daten die Forschung insgesamt beflügeln.

Foto: Scheere

Contra: Wer soll das bezahlen?

Wer soll das bezahlen?

Für Juraj Majzlan ist "Open Access" ein finanzielles Problem

Das Konzept von "Open Access" basiert auf der Tatsache, dass der weitaus größte Teil der Forschung mit öffentlichen Geldern finanziert wird. Doch ist es nur schwer vorstellbar, dass "Otto Normalverbraucher" Veröffentlichungen in den Physical Review Letters liest, geschweige denn sich an der wissenschaftlichen Diskussion beteiligt. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass Geographen diese Publikationen lesen, weil sie weit entfernt von ihrer Expertise und ihrem wissenschaftlichen Interesse sind.
  Die Forderung nach freier Verfügbarkeit aller wissenschaftlichen Ergebnisse ist nicht neu, sie ist aber in den letzten Jahren immer häufiger zu hören. Folglich muss die Frage gestellt werden, warum dies so ist? Fragt man einen Bibliothekar, erhält man sicherlich fast immer den Hinweis auf sinkende finanzielle Mittel oder die Aussage, dass die Höhe der Mittel nicht mit den Kosten für die wissenschaftlichen Zeitschriften Schritt hält. War "Open Access" vor zehn oder zwanzig Jahren deswegen noch nicht so ein heißes Thema, weil sich die Universitäten damals noch deutlich mehr Zeitschriftenabonnements leisten konnten? Dann allerdings ist "Open Access" keine Notwendigkeit für die Öffentlichkeit, sondern lediglich eine Kompensierung finanzieller Engpässe.
  Nehmen wir einfach einmal an, dass eines Tages alle wissenschaftlichen Ergebnisse unabhängig von den finanziellen Bedürfnissen der Universitäten und Forschungsinstitutionen frei verfügbar sind. Jedermann hat freien Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen sowohl in seinem Fachgebiet als auch außerhalb davon. Die sofort gestellte Frage muss lauten: Wer soll das bezahlen?
  Natürlich könnten die wissenschaftlichen Verlage für "Open Access" bezahlen. Aber viele dieser Verlage sind Wirtschaftsunternehmen. Sie werden sich genau überlegen, ob sie weiterhin in dem Markt tätig sein wollen, oder ggf. den finanziellen Ruin riskieren. Natürlich könnte der Staat diese Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse subventionieren. Da Wissenschaft aber keine nationale Angelegenheit ist, muss gefragt werden, welcher Staat bezahlt wie viel. Könnte man dann nicht auch das Geld direkt den Bibliotheken geben, da diese besser entscheiden können, welche Zeitschriften bestellt werden sollen? In Deutschland hat beispielsweise die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) diese Aufgabe bis zu einem gewissen Grade übernommen und ermöglicht den Zugang zu mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften über Nationallizenzen. Dennoch darf man die Augen nicht davor verschließen, dass die Veröffentlichung der Ergebnisse etwas kostet und nicht von den Verlagen verlangen, alles kostenlos ins Internet zu stellen. Ich habe, aus dem ehemaligen Ostblock stammend, ein System erlebt, in dem alles subventioniert oder gänzlich kostenlos war. Später mussten wir die Erfahrung machen, ob wir wollten oder nicht, dass irgend jemand für unseren Wohlstand aufkommen muss. Natürlich könnten einige Verlage ihre Kosten mit dem Verkauf anderer Bücher und Zeitschriften decken, aber wäre das gerecht? Einige Verlage wären dazu vielleicht in der Lage, aber ohne Zweifel nicht alle.

Autoren müssen zahlen

Eine andere Möglichkeit ist es, wenn die Autoren die Kosten für "Open Access" übernehmen. Diese Option besteht tatsächlich bei einigen Zeitschriften. Ich möchte als Beispiel hierfür den "American Mineralogist" nennen, eine der Top-Zeitschriften in meinem Fach. Jeder Autor kann 250 Dollar pro Druckseite bezahlen, um seine Daten allgemein verfügbar zu machen. Dieser Betrag entspricht den tatsächlichen Druckkosten pro Seite. Bei einer durchschnittlichen Artikellänge von 10 bis 15 Druckseiten kostet ein "Open Access"-Artikel 2 500 bis 3 750 Dollar. Dies ist ein nicht zu vernachlässigender Betrag selbst für diejenigen, die über ausreichende finanzielle Unterstützung verfügen, aber definitiv zu viel für alle die Länder, wo die Ressourcen kaum für eine elementare Laborausstattung vorhanden sind.
  Damit möchte ich aufzeigen, was "Open Access" für diese und andere Zeitschriften bedeutet. Wie gesagt, ist der "American Mineralogist" eine der Top-Zeitschriften in meinem Fach. Er wird von der "Mineralogical Society of America (MSA)", einer gemeinnützigen Organisation, die sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert, herausgegeben. Alle potenziellen Autoren werden gebeten, die Gesellschaft und speziell die Zeitschrift mit 75 Dollar pro Druckseite zu unterstützen. Die generelle Einführung von "Open Access" würde konsequenterweise das Ende der Zeitschrift und wahrscheinlich auch von MSA bedeuten. Eine generelle Einführung von "Open Access" würde die Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse meines Erachtens ernsthaft behindern, weil entweder die Wissenschaftler, von denen nur wenige überhaupt über die finanziellen Mittel verfügen, dafür bezahlen müssten (siehe oben) oder die Zeitschriften gar nicht erst erscheinen würden. "Open Access" ist eine ehrenwerte Idee. Forschung wird überwiegend aus öffentlichen Geldern finanziert. Das gilt aber nicht für die Publikation der Forschungsergebnisse und ich habe bisher noch keine überzeugende Antwort auf die Frage - wer soll das bezahlen? - gehört.

Majzlan1Prof. Dr. Juraj Majzlan, Inhaber des Lehrstuhls für Mineralogie der Jenaer Universität, setzt auf traditionelle Fachzeitschriften und warnt vor finanziellen Hürden beim wissenschaftlichen Publizieren in "Open Access"-Medien.

Foto: Scheere

letzte Änderung:  am 2010-11-01 16:04:40   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang