Gesellschaftliche "Zauberformel" im Fokus der Forschung
Mit dem Aufstieg der Nachhaltigkeit zu einem der wirkmächtigsten Begriffe der Gegenwart hat sich auch die Nachhaltigkeitsforschung verändert. Die Reduktion auf primär ökologische Fragestellungen ist längst der Einsicht gewichen, dass sich in der aktuellen Krise der Nachhaltigkeit ökologische, ökonomische, soziale und kulturelle Fragen verschränken.
Dementsprechend vielfältig ist auch die Landschaft der Nachhaltigkeitsforschung geworden: Während in naturwissenschaftlichen Disziplinen bspw. biogeochemische Zusammenhänge im Erdsystem untersucht und die Auswirkungen des globalen Umweltwandels modelliert werden, setzen sich die Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften z. B. mit den strukturellen Gründen gegenwärtiger Produktions- und Konsummuster auseinander oder untersuchen künstlerische Visionen ökologischer Zukünfte. Die verschiedenen Forschungsrichtungen und Ansätze unterscheiden sich dabei nicht nur in Bezug auf ihren Gegenstand und ihr Erkenntnisinteresse, sondern auch hinsichtlich ihres Wissenschaftsverständnisses und ihres normativen Anspruchs.
Die Ringvorlesung bietet einen Einblick in aktuelle Fragen, zentrale Themen und Kontroversen der Nachhaltigkeitsforschung und stellt unterschiedliche disziplinäre Zugänge zu Nachhaltigkeitsproblemen vor. Die Veranstaltung ist offen für Interessierte aller Fachrichtungen und Studiengänge.
Wann: Donnerstags von 16–18 Uhr c. t.
Wo: HS E028 Ernst-Abbe-Platz 8 (der Raum befindet sich unterhalb der Mensa am Campus)
Online-Teilnahme: https://online.mmz.uni-jena.de/beta/livestream/?hsid=1832_hse028Externer Link
Weiterführendes Material: Studierende und Mitarbeitende können sich auf Friedolin über das Vorlesungsverzeichnis (Veranstaltungen im Bereich NachhaltigkeitExterner Link) anmelden und erhalten Zugang zum Moodle-Kurs mit weiterführenden Informationen und Materialien.
Termine im Sommersemester 2026
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16.04.2026 | Von Umweltbelastung, Wettbewerbsfähigkeit und Tierversuchen: Narrative in der europäischen Chemikalienpolitik (Henry Hempel)
Chemikalien sind aus unserem modernen Alltag kaum wegzudenken – von Medikamenten über Elektronik bis hin zu Alltagsprodukten wie Kosmetik. Gleichzeitig führen sie zu weit verbreiteter Umwelt- und Gesundheitsbelastung und sind häufig mit Tierversuchen verbunden. Im globalen Ringen um Marktanteile ist die Europäische Union (EU) der weltweit zweitgrößte Hersteller von Chemikalien und Deutschland der Mitgliedstaat mit der größten Chemieindustrie. Der Vortrag illustriert zunächst grundlegende Problemstellungen der EU-Chemikalienpolitik und ordnet diese in aktuelle Nachhaltigkeitsdebatten ein. Nach der Vorstellung zentraler Forschungsfragen wird erläutert, wie eine sozialwissenschaftlich-empirische Annäherung an dieses Politikfeld erfolgen kann. Im Zentrum aktueller politischer Diskussionen auf EU-Ebene steht die geplante Überarbeitung der REACH-Verordnung – des wichtigsten EU-Gesetzes zur Regulierung von Industriechemikalien. Unterschiedliche Akteursgruppen wie Umwelt- und Tierschutzorganisationen, Behörden, Industrieverbände und Forschende versuchen, Einfluss auf diese Reform zu nehmen. Mithilfe eines diskursiven Ansatzes analysiert der Vortrag, welche Argumente, Deutungen und Narrative die Debatte prägen und wie Akteur/-innen versuchen, politische Positionen und mögliche Gesetzesänderungen zu beeinflussen. Die Analyse diskursiver Positionen und Strategien ermöglicht es, Grenzen und Möglichkeiten zukünftiger Politikgestaltung zu identifizieren.
Henry Hempel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig. Mehr Informationen finden Sie hierExterner Link.
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23.04.2026 | Wasserkonflikte in Thüringen und die erste Regel des Fight Club (Magdalena Riedl)
Konflikte bei der Wasserversorgung werden sich aktuellen Modellierungen der Universität Kassel zufolge bis 2050 dramatisch verstärken. Klimatische Veränderungen und steigende Anforderungen an die Wasserversorgung treffen dabei auf unklare Regelungen im Wassermanagement. Auch wenn Konflikte um Wasser an sich nichts Neues sind, stoßen Wasserversorger dann an ihre Grenzen, wenn sich entstehende Konflikte nicht mehr länger durch „Zeit, Geld und gute Worte“ lösen lassen. Am Beispiel eines Konflikts in Thüringen analysiert das Pilotprojekt Ursachen und Wirkungen von Wasserverteilungskonflikten. Der Konflikt handelt von einer Änderung des Talsperrenmanagements zugunsten einer Wasserkraftanlage, welche von Kritiker/-innen mit dem Trockenfallen eines Flusses in Verbindung gebracht wurde. Der Fall macht sichtbar, wie unterschiedliche Interessen, Wahrnehmungen und Verantwortlichkeiten aufeinandertreffen und warum technische Lösungen allein nicht ausreichen. Der Vortrag stellt zentrale Akteure und Konfliktdynamiken vor und die konfliktsoziologische Analyse offenbart dabei Muster, die sich zugespitzt mit der ersten Regel des Fight Club beschreiben lassen. Darauf aufbauend wird ein praxisnaher Ansatz entwickelt, der zur nachhaltigen Bearbeitung zukünftiger Konflikte beitragen soll.
Magdalena Riedl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für allgemeine und theoretische Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität und arbeitet am Thüringer Wasser-Innovationscluster ThWIC. Mehr Informationen finden Sie hier.
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21.05.2026 | Energiewende in Thüringen - Entwicklung und Organisation in Dekaden von 1990 bis 2020 (Dr. Jana Liebe)
In dem Vortrag werden Ergebnisse einer Dissertation präsentiert, die rückwirkend den Energiewendeprozess im Freistaat Thüringen über 30 Jahre analysierte, die Einflussfaktoren identifizierte und Schlussfolgerungen für den Energiewendeprozess auch in anderen Bundesländern ableitete. Theoretisch verortet sich diese empirische Arbeit in der Transformations- und Governanceforschung.
Spoiler: Bis 2020 wurde nicht erkannt, dass die Energiewende eine gesamtgesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe ist. Spannend sind die unterschiedlichen Ausprägungen des Prozesses in den drei Dekaden sowie das Wirken von internationalen und nationalen Rahmenbedingungen, technologischer Entwicklung, Thüringer Strategien und Gesetzen, Akteuren sowie die Organisation und Steuerung des Veränderungsprozesses.
Dr. Jana Liebe ist Geschäftsführerin des Thüringer Erneuerbare Energien Netzwerk (ThEEN) e.V. – Kompetenznetzwerk für Transformationstechnologien. Mehr Informationen finden Sie hierExterner Link.
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28.05.2026 | (Stahl-)Recycling im Spannungsfeld von Nachhaltigkeit und Industriepolitik (Prof. Dr. Frank Pothen)
Informationen zum Vortrag folgen in Kürze.
Prof. Dr. Frank Pothen ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Mehr Informationen finden Sie hierExterner Link.
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04.06.2026 | Die Utopie des Sozialismus. Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution (Prof. Dr. Klaus Dörre)
Informationen zum Vortrag folgen in Kürze.
Prof. Dr. Klaus Dörre ist Gastprofessor am Kassel Institute for Sustainability (Universität Kassel) und vertritt dort das Fachgebiet „Sozialökologische Nachhaltigkeitskonflikte“. Mehr Informationen finden Sie hierExterner Link.
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11.06.2026 | oneWATER – Konzeption einer abwasserfreien Gesellschaft (Prof. Dr. Patrick Bräutigam)
Wasser ist Grundlage allen Lebens, Menschenrecht und zugleich unverzichtbares Produktionsmittel. Doch selbst in wasserreichen Regionen wie Deutschland nimmt der Druck auf diese Ressource zu: Klimawandel, Bevölkerungsentwicklung und steigende Ansprüche verschärfen Nutzungskonkurrenzen. Parallel wächst durch den Eintrag synthetischer, schwer abbaubarer Chemikalien die Belastung von Gewässern – mit teils unklaren Langzeitfolgen für Ökosysteme und Gesundheit. Die Sicherung von Wasser in ausreichender Menge und Qualität wird damit zu einer zentralen Zukunftsaufgabe.
Der Vortrag skizziert mit oneWATER einen Paradigmenwechsel: weg vom Einmalgebrauch, hin zur konsequenten Mehrfachnutzung in lokalen, geschlossenen Kreisläufen. Ziel ist eine stärkere Entkopplung technischer und natürlicher Wasserkreisläufe – perspektivisch eine abwasserfreie Gesellschaft. So werden Schadstoffeinträge über Punktquellen vermieden (zero-pollution-Ansatz) und Wasserversorgung resilienter. Gleichzeitig eröffnet die dezentrale Kreislaufführung neue Synergien im Ressourcenverbund: Rückgewinnung von Nährstoffen, Nutzung von im Wasser gebundener Energie (z. B. Wärme) und lokale Wertstoffkreisläufe können urbane Begrünung und dezentrale Pflanzenproduktion unterstützen, Transportaufwände senken und zur Klimaanpassung beitragen. Abschließend werden Transformationspfade und mögliche Nachnutzungen bestehender Infrastrukturen (z. B. Kanalnetz als Regenwasserspeicher im Schwammstadtkonzept) als Bausteine einer nachhaltigen, konfliktärmeren Wassernutzung diskutiert.
Prof. Dr. Patrick Bräutigam hat die Professur für Professor für Technische Umweltchemie und Sensortechnik an der Universität Stuttgart inne. Mehr Informationen finden Sie hierExterner Link.
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25.06.2026 | Mit geophysikalischen Daten und gekoppelten Simulationen zur nachhaltigen Nutzung des unterirdischen Raums (Prof. Dr. Nina Kukowski, Anne Schulz)
Informationen zum Vortrag folgen in Kürze.
Prof. Dr. Nina Kukowski hat den Lehrstuhl für Allgemeine Geophysik an der Friedrich-Schiller-Universität inne. Mehr Informationen finden Sie hier. Anne Schulz ist Doktorandin am Lehrstuhl.
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02.07.2026 | Nachhaltige Wissenschaft? (Dr. Falk Bornmüller)
Der Begriff Nachhaltigkeit hat in den vergangenen Jahrzehnten eine enorme Bedeutung erlangt. Insbesondere im Zusammenhang von Ökologie und Wirtschaftswachstum wird die Idee einer nachhaltigen Entwicklung intensiv diskutiert. Neben den gesellschaftspolitischen Debatten wurden forschende Zugänge zu diesem Thema erschlossen, die sich als Nachhaltigkeitswissenschaft an Hochschulen etabliert haben. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Nachhaltigkeit hat jedoch einen blinden Fleck, der grundlegend das Selbstverständnis von Wissenschaft berührt und eher selten problematisiert wird: Kann und sollte die Wissenschaft selbst nachhaltig sein?
Im Vortrag wird zunächst erkundet, wie und in welchen Hinsichten diese Frage überhaupt zu verstehen ist. Daran anschließend werden probeweise verschiedene Nachhaltigkeitskonzepte auf die Wissenschaft angewendet, um herauszufinden, welchen Voraussetzungen eine nachhaltige Wissenschaft genügen muss. Welche Herausforderungen sich daraus für eine nachhaltige Entwicklung der Institution Wissenschaft ergeben, ist in einem abschließenden Ausblick zu zeigen.
Dr. Falk Bornmüller ist Koordinator des Projekts "Gender in Focus" an der Friedrich-Schiller-Universität. Mehr Informationen finden Sie hier.
Programm in vergangenen Semestern
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