Kazbegi

Tbilisi State University

Wintersemester 2024/25 und Sommersemester 2025
Kazbegi
Foto: Anastasia, Uni Jena

Anastasia, Master Kaukasiologie

Mein Studienjahr in Tbilisi, Georgien

Als ich mich für ein Auslandsstudium in Tbilisi entschied, war mir bewusst, dass dies kein klassisches Erasmus-Ziel sein würde. Georgien ist für viele europäische Studierende nach wie vor ein unbekanntes Terrain, aber gerade das war für mich ein Anreiz. Für mich war es auch eine persönliche Reise: Ich habe Verwandte in Tbilisi und wollte das Land meiner Familie endlich selbst intensiv erleben.

Erste Eindrücke und Ankommen

Die Ankunft in Tbilisi war gleichzeitig aufregend und vertraut. Einerseits war alles neu: die Sprache, der Rhythmus der Stadt, das studentische Leben in einer ganz anderen Kultur. Andererseits gaben mir meine Verwandten ein Gefühl von Zuhause, das mir den Einstieg sehr erleichtert hat.
Tbilisi ist eine Stadt voller Kontraste. Die Altstadt mit ihren engen Gassen, hölzernen Balkonen und Schwefelbädern trifft auf sowjetische Plattenbauten und moderne Glasfassaden. Ich war fasziniert von der Lebendigkeit der Stadt, von Straßenmusik über spontane Feste bis hin zu politischen Demonstrationen war alles dabei.

Studium und Universitätsalltag

Ich habe an der Ivane Javakhishvili Tbilisi State University studiert, mit Kursen in Politikwissenschaft, Geschichte, Anthropologie und Linguistik. Dank meines Studiengangs der Kaukasiologie in Jena wurde mir so einiges angerechnet, wodurch ich eher freie Hand hatte bei der Kursauswahl.
Der Universitätsalltag unterscheidet sich in vielen Punkten vom deutschen System. Die Gruppen waren kleiner, der Kontakt zu den Dozent:innen persönlicher, und es wurde viel diskutiert, oft auch leidenschaftlich.
Besonders spannend war für mich, wie stark aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen in die Lehre eingebunden waren. Themen wie das Verhältnis zu Russland, der Wunsch nach EU-Integration oder innergesellschaftliche Spannungen kamen regelmäßig zur Sprache. Ich konnte dadurch mein akademisches Wissen mit Eindrücken aus dem Alltag verknüpfen, eine Erfahrung, die ich im deutschen Hörsaal so nicht gemacht habe.

Leben in Tbilisi und Familienanschluss

Ein großer Vorteil meines Auslandsjahres war, dass ich Familie vor Ort hatte. Das gab mir nicht nur emotionale Sicherheit, sondern ermöglichte mir auch tiefe Einblicke in das alltägliche Leben der Georgier:innen. Ich war regelmäßig bei Familienfeiern, Festen und Ausflügen dabei. Durch meine Verwandten hatte ich auch Zugang zu Orten und Perspektiven, die viele Austauschstudierende vielleicht nicht erleben. Ich konnte sowohl das städtische Leben als auch das Dorfleben in der weiteren Umgebung kennenlernen

Sprache, Kultur und Reisen

Georgisch ist keine einfache Sprache, das einzigartige Alphabet, die ungewohnte Grammatik, die Klangvielfalt. Aber es lohnt sich. Selbst einfache Gespräche im Alltag wurden mit einem Lächeln belohnt, wenn ich mich bemühte, auf Georgisch zu kommunizieren. Mit der Zeit konnte ich mich immer besser verständigen und habe dadurch viele Türen geöffnet bekommen.
In meiner freien Zeit habe ich viel vom Land bereist: Kachetien mit seinen Weinbergen, die Höhen von Kazbegi, die Schwarzmeerküste bei Batumi oder die Höhlenstadt Uplisziche. Georgien ist landschaftlich extrem vielfältig und jede Region hat ihre eigene Geschichte, Küche und Kultur. Das ESN Netzwerk bietet dazu einige Möglichkeiten, das Land zu bereisen, Erfahrungen zu sammeln und sich mit anderen Leuten zu vernetzen.

Herausforderungen und Entwicklung

Natürlich war das Jahr nicht immer einfach. Bürokratische Hürden, Strom- und Wasserausfälle, Verständigungsprobleme oder der ungewohnte Lehrstil an der Uni haben mir manchmal viel Geduld abverlangt. Aber gerade diese Erfahrungen haben mich wachsen lassen. Ich habe gelernt, selbstständig und flexibel zu sein, mit Unsicherheiten umzugehen und neue Wege zu finden.
Gleichzeitig hat mich mein Aufenthalt in Tbilisi auch politisch und gesellschaftlich sensibilisiert. Ich habe gelernt, wie sich globale Prozesse ganz konkret auf den Alltag auswirken, sei es in Form von Inflation, Protesten oder geopolitischen Spannungen.
Mein Studienjahr in Georgien war eine außergewöhnliche Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich habe nicht nur viel gelernt, akademisch wie persönlich, sondern auch ein Land lieben gelernt, das voller Wärme, Geschichte und Energie steckt.
Tbilisi ist für mich mittlerweile mehr als ein Ort auf der Landkarte, es ist ein Teil meiner Biografie geworden. Ich kann jedem nur empfehlen, diesen Schritt zu wagen: Ein Auslandsstudium in Georgien öffnet nicht nur den Horizont, sondern auch das Herz.