Freiwilligkeitsprinzip
Die Evaluation von Lehrveranstaltungen ist an der Uni Jena grundsätzlich nicht verpflichtend, wenngleich einige Fakultäten dazu ergänzende Regelungen für sich getroffen haben.
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Dr. Anja Vetterlein
Foto: Anne Günther (Universität Jena)An der Universität Jena können Lehrende ihre Lehrveranstaltungen evaluieren und die Ergebnisse im Rahmen eines Feedbackgesprächs mit den Studierenden auswerten. Der direkte Dialog mit den Studierenden ist ein wertvolles Werkzeug für die Weiterentwicklung der Lehre. Im folgenden Interview gibt Anja Vetterlein, Leiterin des Universitätsprojekts Lehrevaluation (ULe), praxisnahe Einblicke, warum Evaluationen sinnvoll sind, wie sie interpretiert werden können und welche Veränderungen dadurch in der Lehre möglich werden.
Warum ist es wichtig, Lehrveranstaltungen zu evaluieren?
An der Uni Jena verstehen wir die Lehrveranstaltungsevaluation (LVE) als ein Angebot an Lehrende, das sie individuell in der Weiterentwicklung ihrer Lehre unterstützen soll. Sie können auf einfache Weise ein Feedback ihrer Studierenden einholen und diese Rückmeldungen als Ausgangspunkt nutzen, um mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen. Lehrende erhalten dadurch einen Eindruck davon, wie ihre Methoden, Inhalte und die Lernatmosphäre bei den Studierenden ankommen. So können sie einschätzen, was in der Gestaltung der Veranstaltung gut gelungen ist und was ggf. noch verbessert werden kann. Pro Semester greifen ca. 600 Lehrende auf unser Angebot zurück.
Wir empfehlen besonders jungen Lehrenden, in den frühen Jahren ihrer Lehrtätigkeit die Möglichkeiten der Evaluation regelmäßig zu nutzen.
Wie können Lehrende die Ergebnisse einer Evaluation konkret nutzen, um ihre eigene Lehre weiterzuentwickeln?
Mit dem Ergebnisbericht erhalten Lehrende eine systematische Rückmeldung zu ihrem Lehrverhalten. Das ermöglicht eine gezielte Reflexion der eigenen Lehrpraxis und Schlussfolgerungen für das didaktische Vorgehen. Besonders hilfreich ist der Abgleich von Eigen- und Fremdwahrnehmung: Die Perspektive der Studierenden wird derjenigen der Lehrperson gegenübergestellt.
Ergänzend liefert der Bericht einen Vergleich mit anderen Lehrveranstaltungen (innerhalb des Instituts, der Fakultät oder der Universität), sodass sich der eigene Wert leichter einordnen lässt. Statistisch bedeutsam abweichende Unterschiede, werden explizit gekennzeichnet. Diese Markierungen können als erster Anhaltspunkt dienen, um in die inhaltliche Analyse des Ergebnisberichts einzusteigen.
Wir empfehlen, die Rückmeldungen systematisch durchzugehen und zentrale Punkte mit den Studierenden gemeinsam auszuwerten: Welche Themen tauchen mehrfach auf? Welche Rückmeldungen widersprechen sich vielleicht? Meist lässt sich im Dialog mit den Studierenden am besten klären, was konkret gemeint war und welche Änderungen sinnvoll sind.
Auch der kollegiale Austausch spielt eine wichtige Rolle: Tipps, Erfahrungen und Anregungen von Kolleginnen und Kollegen sind ein wirksames Mittel, um die eigene Lehre kontinuierlich zu verbessern. Lehrende, die einen didaktischen Rat suchen oder eine neue Idee zur Reife bringen möchten, finden zudem in der Servicestelle LehreLernen kompetente Ansprechpersonen.
Langfristig kann die Evaluation dabei helfen, die Lehre bewusster zu planen: Man sieht, welche Methoden funktionieren, welche Lernziele gut erreicht werden und wo noch gesteuert werden muss.
Was sind typische Missverständnisse oder Fallstricke im Umgang mit Evaluationsergebnissen? Wie können Lehrende sicherstellen, dass sie die Rückmeldungen richtig interpretieren?
Die standardisierte Lehrevaluation bietet den Vorteil, dass viele Studierende anonym und gleichberechtigt ihre Meinung äußern können. Wichtig ist dabei, das Gesamtergebnis im Blick zu behalten und einzelne Nennungen nicht überzubewerten. Hilfreich ist zunächst, die Ergebnisse mit etwas Abstand und Offenheit zu betrachten. Dadurch fällt es leichter, Schwerpunkte und wiederkehrende Themen zu identifizieren, statt sich auf Einzelmeinungen zu konzentrieren.
In den Ergebnisberichten werden viele Zahlen dargestellt. Um einordnen zu können, ob der eigene Wert hoch oder niedrig ist, lohnt sich ein Blick in die Vergleichswerte. Die Darstellung der Ergebnisse wird gleich zu Beginn der Berichte ausführlich erläutert.
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Evaluationsergebnisse als reine „Bewertung“ der Lehrperson zu verstehen. Dabei geht es nicht um eine persönliche Beurteilung, sondern um Rückmeldungen zu Lehr- und Lernprozessen. Wenn Lehrende die Ergebnisse zu stark auf sich selbst beziehen, kann das leicht zu Frustration führen – insbesondere, wenn einzelne Kommentare sehr kritisch formuliert sind.
Und wie können Lehrende angemessen auf unterschiedliche Sichtweisen reagieren?
Unterschiedliche Sichtweisen sind bei einer Evaluation ganz normal. Studierende haben verschiedene Lernstile, Erwartungen und Vorkenntnisse. Entscheidend ist, diese Vielfalt wahrzunehmen und (gemeinsam) zu überlegen, ob (und wie) sich unterschiedliche Anregungen unter einen Hut bringen lassen. Oder eben auch nicht. Dann darf man sich als Lehrperson bewusst abgrenzen und signalisieren, dass nicht alle Bedürfnisse zeitgleich erfüllbar sind. Sich dieses Spannungsfeld auf Basis der Rückmeldungen bewusst zu machen, verstehen wir als Teil der Lehrentwicklung.
Was würden Sie Lehrenden empfehlen, die mit Evaluationsergebnissen zunächst unzufrieden oder verunsichert sind?
Der überwiegende Teil der Lehrpersonen macht engagierte, gute Lehre und das darf man sich von seinen Studierenden auch mal „schriftlich geben lassen“. Die meisten unserer Ergebnisberichte enthalten viele lobende und wertschätzende Kommentare. Gleichzeitig gibt es immer einzelne Aspekte oder blinde Flecken, bei denen man nachsteuern und sich verbessern kann. Dabei geht es nicht darum, die Lehrperson komplett zu verändern oder das Lehrkonzept auf den Kopf zu stellen, sondern kleine Schritte zu gehen.
Zunächst einmal ist es völlig normal, dass Evaluationsergebnisse Emotionen auslösen, gerade wenn man viel Engagement in die eigene Lehre steckt. Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen, die Rückmeldungen in Ruhe zu lesen und nicht vorschnell zu urteilen. Oft hilft es, einen gewissen Abstand zu gewinnen und die Ergebnisse später noch einmal mit klarem Blick anzuschauen.
Wir empfehlen, die Evaluation nicht als persönliche Kritik, sondern als Einladung zur Reflexion zu verstehen: Was kann ich daraus lernen? Welche Punkte lassen sich konkret verbessern, und wo spielen vielleicht äußere Faktoren eine Rolle? Aber auch: Was läuft gut? Und sollte beibehalten werden? Ein Austausch mit Kolleginnen, Kollegen oder der Servicestelle LehreLernen kann helfen, die Ergebnisse besser einzuordnen und konstruktiv mit ihnen umzugehen.
Und nicht zuletzt: Auch kritisches Feedback zeigt, dass Studierende sich mit der Lehrveranstaltung auseinandersetzen. Wenn Lehrende offen darauf reagieren und signalisieren, dass sie die Rückmeldungen ernst nehmen und transparent machen, welche Anregungen aufgegriffen werden können – und aus welchen Gründen andere möglicherweise nicht –, wird dieses Vorgehen von Studierenden meist positiv aufgenommen.
Welche Strategien empfehlen Sie, um Studierende dazu zu motivieren, konstruktives Feedback zu geben und an Evaluationen teilzunehmen?
Viele Studierende berichten, dass Sie gerne Feedback geben, wenn sie ein ehrliches Interesse von Seiten der Lehrperson verspüren. Dafür bietet es sich an, während der Lehrveranstaltung Zeit für die Evaluation einzuräumen. Besonders eignet sich dafür das Verfahren zur Evaluation „Online in Präsenz“, bei dem Studierende direkt im Hörsaal über ihre eigenen Geräte an der Evaluation teilnehmen können. Um noch mehr Verbindlichkeit zu schaffen, kann gerne auf die klassische Papierevaluation zurückgegriffen werden, die weiterhin zur Verfügung steht und immer noch die höchsten Rücklaufquoten erzielt.
Ehrliches Interesse meint auch den gemeinsamen Diskurs über die Ergebnisse in einer der folgenden Sitzungen. So entstehen Transparenz, Wertschätzung und eine gemeinsame Verantwortung für gute Lehre.
Lehrperson schaut sich den Ergebnisbericht ihrer Lehrveranstaltungsevaluation an.
Foto: Dr. Anja Vetterlein