Universidad de Concepción- Chile
Sommersemester 2025
Tumbes, nahe Concepción (Zentralchile)
Foto: Ana, Uni Jena
- Universidad de Concepción, Chile
Meldung vom:
Ana, Bachelor Soziologie und Psychologie
Von Ende Februar 2025 bis Juli 2025 führte ich ein Auslandssemster in Concepción, Chile, an der Universität Universidad de Concepción (UdeC) durch. Im Anschluss absolvierte ich mein Pflichtpraktikum in Santiago, Chile am Heidelberg Center Lateinamerika (HCLA). Beides geschah im Rahmen meines Bachelor-Studiums der Soziologie im Hauptfach und Psychologie im Nebenfach an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Chiloé (Inselgruppe in Südchile)
Foto: Ana, Uni JenaVorbereitung & Planung
Glücklicherweise konnte ich mich erfolgreich für das Austauschprogramm und anschließend für das PROMOS - Teilstipendium bewerben. Ebenfalls bemühte ich mich um Auslands-BAföG, welches jedoch abgelehnt wurde. Bezüglich der Unterkunftssuche war ich mit zwei Monaten vor Anreise etwas spät dran, doch durch Kontakte, konnte ich glücklicherweise die ersten und letzten Monate meines Aufenthaltes bei einem Freund der Familie sowie bei Familienangehörigen unterkommen und somit viele Ausgaben sparen. Wegen geringer finanzieller Mittel versuchte ich, den Aufenthalt so kostengünstig wie möglich umzusetzen, um mir das Reisen zu ermöglichen. Die vorbereitenden Verfahren in Verbindung mit dem Internationalen Büro Jena sowie dem Auslandsbüro / Relaciones Internacionales an der UdeC verliefen gut, und ich empfand sie als sehr kooperativ und unterstützend.
Valparaíso (Zentralchile)
Foto: Ana, Uni JenaStudium an der UdeC
In der Einführungswoche an der Udec, die neben der Orientierung zur Anpassung des Stundenplanes dient, wurde mir dringend nahegelegt meine Kursanzahl zu reduzieren, da die von mir gewählten Kurse einen zu hohen Arbeitsumfang entsprechen würden. Rückblickend halte ich drei Kurse für ein gutes Pensum, wenn man sich eine gute Ausgewogenheit zwischen Uni und Freizeit wünscht; doch natürlich kommt es da auf persönliches Ermessen an. Ich belegte einen soziologischen Kurs namens „Colonialidad y Construcción de Sociedad“, einen in der Psychologie („Psicología Social 2“) sowie einen Kurs zum akademischen Schreiben („Español para propósitos específicos“). Ich konnte mit einem soziologisch-kritischen Blick auf die Geschichtsschreibung der Kolonialität und Kolonialisierung in Südamerika blicken (ein Kurs, den man so in Deutschland vermutlich nicht finden würde), meine Kenntnisse in der Sozialpsychologie erweitern sowie mein sprachliches Können durch akademisches Schreiben vertiefen. Der Kurs zum akademischen Schreiben half mir tatsächlich auch für meine Schreibfertigkeit in deutscher Sprache. Die von mir belegten Kurse, boten mir einen hohen akademischen Mehrwert, und passten sehr gut zu meinen Interessen; bspw. der Schwerpunkt der Kolonialität, der mich sehr interessiert, und in welchem Chile zu deutsche universitäre Kontexte vergleichbar sehr gut aufgestellt ist. Besonders bereichernd war es für mich, theoretische Konzepte in den Fächern Sozialpsychologie und diesem soziologischen Kurs auf die konkreten gesellschaftlichen und historischen Kontexte Chiles anzuwenden und dadurch meine methodischen sowie analytischen Fähigkeiten zu vertiefen. Darüber hinaus konnte ich durch die Arbeit an akademischen Texten in spanischer Sprache meine wissenschaftliche Ausdrucksfähigkeit verbessern.
Leider kam es während meines Aufenthalts zu einem langanhaltenden Streik seitens der Studierendenschaft, wodurch ich effektiv nur etwa anderthalb Monate universitären Unterricht wahrnehmen konnten. Derartige Studierendenstreiks sind offenbar häufig an chilenischen Universitäten, insbesondere häufig an der UdeC und den geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen; die Studienleistungen konnten dennoch absolviert werden. Was mir am Studium an der UdeC besonders positiv auffiel, war, dass auf Fragen stets schnell geantwortet wurde, der Campus exzellent organisiert ist und die UdeC insbesondere wegen ihrer kostenlosen medizinischen Versorgung auf dem Campus herausragt – sowie wegen des wunderschönen Campus selbst.
UdeC Campus und Umgebung Concepcións (Zentralchile)
Foto: Ana, Uni JenaAufenthalt & Freizeit
Gewohnt habe ich auch im Kontext einer internationale Wohngemeinschaft ‚La Comunidad‘, welche ich zur Vernetzung sehr empfehle; sie hilft z. B. durch ihre WhatsApp-Gruppe, in der Ausflüge, Feiern etc. organisiert werden und bei der Unterstützung für mögliche Fragen (falls man Ansprechpartner abseits der Universität / Relaciones Internacionales sucht). Für den Alltag in Concepción bot die UdeC ein vielfältiges Sportangebot. Für umgerechnet etwa 8–12 Euro pro Semester konnte man Sport- oder Kunstkurse belegen, in meinem Fall Yoga, Tanzen und Fußball, was mir viel Spaß machte, und eine gute Gelegenheit bot, um weitere Kontakte zu knüpfen.
Vernetzung und Informationsfluss über Eventangebote und Freizeitangebote jeglicher Art erfolgen in Chile üblicherweise stark über Instagram. Wer es vorher nicht hat, sollte diese Anschaffung besser in Erwägung ziehen! So konnte ich den Instagram-profilen von Institutionen wie der Stadt, Museen, Parque Caracol oder Bibliotheken folgen und von Events erfahren, von Feiern, Festivals und anderer Aktion, die mich interessierten. Auch die Universität informiert über ihr Angebot via Instagram - und an dieser Universität passiert einiges. In Concepción gab es viel kulturelles Angebot: Theater Biobío, Jazzmusik, Bars, zahlreiche Nachtclubs. Zwei jährliche besonders große Highlights in Concepción darf man nicht verpassen: das ‚REC‘, ein renommiertes kostenloses Festival der Stadt, und die Fiestas Patrias im September, die landesweit gefeiert werden; außerdem gibt es monatliche Bierfeste in den Parks – zu denen ich jedoch nie ging. Ausflüge unternahm ich selbstorganisiert oder gemeinsam mit „Locals“, wie den Studierenden des „Office“, also chilenischen Studierenden, die Interesse haben, internationale Studierende beim Ankommen zu unterstützen, und ich aus der Orientierungswoche kannte. Concepción hat in seiner Umgebung viel zu bieten, natürlich vor allem Küstengebiete, Strände, Fischerdörfer und Häfen, aber auch Naturparks. Wenn man etwa eineinhalb Stunden landeinwärts fährt, erreicht man Chillán, berühmt für seine Weine, wunderschöne Natur, Wälder und Flüsse (Berge und Vulkane sowieso!), Thermen sowie den „Nevadas“ (dem Skigebiet -welches das größte, aber auch teuerste Chiles ist-).
Dies ist das Jahr, in dem ich am meisten gereist bin, und ich würde jedem empfehlen, bestmöglichst die zeitlichen und finanziellen Kapazitäten zu organisieren, um dasselbe zu tun. Chile allein ist ein Land mit unglaublich vielen Naturparks sowie einer enormen Vielfalt an Regionen, Vegetationen und Klimazonen – von der trockensten Wüste der Welt über sattgrüne Wälder, Berge, Vulkane bis hin zu den Gletschern Patagoniens. Auch Chiles Geschichte und kulturelle Diversität ist sehr interessant, doch dies trifft natürlich auch auf die südamerikanischen Nachbarländer zu!
Kolumbien
Foto: Ana, Uni JenaHerausforderungen
Glücklicherweise konnte ich mich kaum an Herausforderungen erinnern. Die für mich vorhanden Herausforderungen waren v.a. auf organisatorischer Ebene: E-Mail-Korrespondenz, Learning Agreement, langatmiger E-Mail-Verkehr mit deutschen Fachkoordinator:innen. Oder auch die Wohnungssuche aus dem Ausland heraus, sowie der Wegfall des Unterrichts, was die sozialen Interaktionen im universitären Raum einschränkte. Ansonsten denke ich, kann das chilenische Spanisch für Menschen mit geringem Spanischvermögen herausfordernder sein, als andere spanische Dialekte, doch ich würde dafür werben sich dadurch nicht abschrecken zu lassen; auch da findet man mit der Zeit rein, und außerdem hat was belohnendes sagen zu können, man könne Chilen*innen verstehen :D!
Herausragende Erfahrungen / Besonders positive Erfahrungen
Im Jahr 2025 konnte ich mir den Traum erfüllen, das Heimatland meiner Mutter und dessen Kultur sowie meine Familie besser kennenzulernen, aber auch den südamerikanischen Kontinent insgesamt näher kennenzulernen. Ich habe einzigartige akademische Einblicke erhalten, doch ich habe mich auch verliebt: in die friedlichen Pferde und Kühe am Straßenrand Chiloés, die singenden Passanten auf den Straßen Valparaísos, in das Panorama der Sonnenuntergänge Santiagos, in das kulturelle Angebot Concepcions, in Meeresfrüchte, wohin das Auge reicht, in Hunde auf dem Unicampus, die versuche dir die Fußbälle zu stehlen, in die Cueca-Musik, in die Gastfreundlichkeit und Stolz der Rapa Nui, das Essen in Kolumbien und die Leidenschaft zum Tanzen und in die kulturelle Vielfalt New York‘s sowie in die mexikanische El-Grito-Feier im sonnengeküssten San Francisco. Darunter waren so viele Begegnungen, die meinen Horizont erweitert habe, meine kulturelle Kompetenz gestärkt und Beziehungen gebildet haben, die zu Freundschaften wurden; Begegnungen und Freundschaften, die man niemals hätte, hätte man diese Auslandserfahrung nicht gewählt.
Fazit
Der Auslandsaufenthalt in Chile hat mich sowohl akademisch als auch persönlich stark bereichert. Ich konnte meine Sprachkenntnisse erheblich verbessern, meine interkulturelle und soziale Kompetenz erweitern und zahlreiche Einblicke in die chilenische Gesellschaft und Kultur gewinnen. Durch die Teilnahme an unterschiedlichen Kursen und die Anwendung theoretischer Konzepte auf lokale Kontexte habe ich meine fachlichen Fähigkeiten in Soziologie und Psychologie vertieft und neue methodische Perspektiven gewonnen. Darüber hinaus habe ich wertvolle Erfahrungen im selbstständigen Organisieren von Alltag und Freizeit, im Umgang mit bürokratischen Abläufen und in der Vernetzung mit Studierenden aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gesammelt. Neben dem Gewinn von neuen Perspektiven hat es meine Selbstständigkeit gefördert und mich motiviert, internationale und interdisziplinäre Perspektiven weiterhin aktiv in mein Studium und meine zukünftige berufliche Tätigkeit einzubringen. Insgesamt würde ich die Entscheidung, diesen Aufenthalt zu absolvieren, jederzeit wieder treffen.
Die Kombination aus akademischem Lernen, persönlicher Weiterentwicklung und kultureller Erfahrung hat diesen Zeitraum zu einer prägnanten und wertvollen Etappe meines Studiums und auch meines Lebens gemacht, wofür ich sehr dankbar bin.
Rapa Nui („Osterinsel“) (chilenischer Pazifik)
Foto: Ana, Uni Jena