Université de Montréal
Wintersemester 2025/2026
Eins meiner liebsten Ausflugziele: Tadoussac und die Umgebung
Foto: Philine, Uni Jena
- Université de Montréal
Meldung vom:
Philine, Master Soziologie
Warum ins Auslandssemester?
Nach meinem ersten Auslandssemester 2019 in Frankreich, hatte ich eigentlich zuerst kein großes Bedürfnis noch ein weiteres Auslandssemester zu machen. Aber irgendwie war ich dann doch neugierig, in welche Länder man mit der Uni Jena so gehen kann. Und dann entdeckte ich in der Liste Kanada. Ich war noch nie auf dem amerikanischen Kontinent gewesen und ich wusste, dass ich ohne eine Gelegenheit zum Austausch wahrscheinlich nie dorthin reisen würde. Wenn man wie ich Soziologie studiert, kann man mit der Uni Jena leider gar nicht an so viele Unis in Kanada gehen. Aber ich hatte Glück: An der Université de Montréal ist das möglich!
Meine Voraussetzungen und Erwartungen an meine Zeit dort waren wahrscheinlich andere, als für die meisten Austauschstudierenden: Ich war mit 27 erstens ein gutes Stück älter als die Allermeisten. Gerade Studierende aus Frankreich, von denen es sehr viele an der UdeM gibt (egal ob im Austausch oder für ein ganzes Auslandsstudium), fangen oft direkt nach der Schule ihr Studium an und schließen es in Regelstudienzeit ab. Außerdem hatte ich nicht mehr so sehr das Bedürfnis nach einem Semester, das mein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Ich hatte Lust, das Land, die Region, die Menschen kennenzulernen, aber eben auch einfach zu studieren (ich studiere nämlich wirklich gerne).
Im Herbst sollte man unbedingt Ausflüge in die Nationalparks in der Nähe machen. Hier waren wir am Mont Kaikoop.
Foto: Philine, Uni JenaUnterkunft
Ich bin Mitte August, kurz vor der Semaine d’accueil in Montréal angekommen. Geflogen bin ich von Paris aus, weil das ziemlich günstig war, aber wenn man früh genug und am besten Hin- und Rückflug zusammen bucht, kann man das auch gut von Deutschland aus machen. Am Flughafen in Montréal wurde ich von Marie-Claude abgeholt.
In den Wochen vor meinem Abflug war ich etwas gestresst wegen der Wohnungssuche. Ich war schon Monate vorher Mitglied in sehr vielen facebook-Gruppen geworden, über die die Wohnungssuche dort klassischerweise abläuft (z.B. UdeM Colocation & coliving, Colocs – Montréal – Roommates, Logement et colocation UdeM/Poly/HEC). Das kann ich theoretisch nur empfehlen! Es mag aus deutscher Perspektive etwas ungewohnt sein, facebook noch so aktiv zu nutzen, aber tatsächlich ist das dort Standard. Viele Leute, die ich kenne, haben über diese Gruppen ein Zimmer gefunden. Das Problem ist vor allem, dass die Wohnungssuche dort sehr viel kurzfristiger verläuft als hier. 2 Monate im Voraus etwas zu finden, ist praktisch unmöglich. Ein paar meiner Freunde dort haben aber zum Beispiel die erste Zeit in einem Airbnb verbracht und dann vor Ort ein Zimmer gesucht, was auch meistens problemlos geklappt hat.
Ich hatte zwei WG-Castings über facebook-video-call, aus denen dann aber leider nichts geworden ist. Aber letzten Endes war das wahrscheinlich mein Glück. Irgendwann habe ich nämlich der etwas shady aussehenden Internetseite der UdeMExterner Link mit Wohnungsangeboten nochmal eine Chance gegeben und mir die Zimmer in der Rubrik „Chambre chez l’habitant“ angeschaut. Das ist ein bisschen WG-mäßig, nur dass man eben ein Zimmer bei oft schon etwas älteren Leuten oder zum Beispiel bei einer Familie hat.
Ich habe dann bei Marie-Claude und Jean-Pierre gewohnt, die beide 60 Jahre alt waren und deren Töchter auch an der UdeM studiert hatten. Eigentlich hatten sie das Zimmer aus der Anzeige schon an Hugo aus Frankreich vermietet, aber weil sie mich so nett fanden, haben sie mir einfach eins von den zwei kleineren Gästezimmern gegeben.
Bei den beiden unterzukommen war wirklich das Beste, was mir hätte passieren können: Ihr Haus war wunderschön, nur 15 Minuten mit dem Fahrrad von der Uni entfernt. Jean-Pierre hatte im Keller eine Töpferwerkstatt, in der er eigentlich jeden Tag neue Dinge für das Haus getöpfert hat. Außerdem hatten sie ein Chalet, in das sie mich ganz am Anfang einmal mitgenommen haben. Sie hatten Spaß daran, mir Tipps für Montréal und meine Ausflüge zu geben. Sie haben sich für mein Leben in Montréal, aber auch für das in Jena interessiert und ich hatte eine super Zeit mit ihnen!
Ankommen
Um gut in die Uni zu starten, habe ich natürlich an der Semaine d’accueil teilgenommen. Ich hatte es schon in anderen Erfahrungsberichten gelesen, aber will noch einmal betonen, wie niedrigschwellig diese Angebote sind. Es ist WIRKLICH sehr leicht mit anderen ins Gespräch zu kommen und alle sind total nett! Allerdings hatte ich den Eindruck, dass vor allem internationale Studierende zu den Einführungstagen gegangen sind. Das war zwar auch super, aber ich hätte gerne auch Studierende von dort kennengelernt.
In den ersten Tagen habe ich außerdem mitbekommen, dass eine Nachhaltigkeitsgruppe der Uni kostenlos Fahrräder an internationale Studierende zur Verfügung stelltExterner Link. Man musste nur eine Kaution von 200 Dollar zahlen und dann konnte man bis Ende November das Fahrrad nutzen. Helm und Schloss waren auch dabei. Da die Fahrräder nicht für den harten Winter gemacht waren, musste man sie dann leider zurück geben, aber ab dann bin ich sowieso fast lieber Metro gefahren.
Uni
Im Masterstudium hat man an der UdeM nur 2-3 Kurse. Das mag erstmal wenig erscheinen, aber ein Kurs geht dort volle 3 Stunden, statt anderthalb. Außerdem ist der Workload extrem hoch. In beiden Kursen musste ich pro Woche circa 5 Texte lesen und zusätzlich noch ungefähr jede zweite Woche eine kleine Teilnahmeleistung abgeben. Mit einem Kurs war ich nicht ganz zufrieden und ich hätte während der ersten zwei Wochen eigentlich noch einmal gerne einen Kurs getauscht. Das ist normalerweise auch einigermaßen gut möglich, selbst wenn man das nicht selbst machen kann, sondern eine Person mit dem Titel TGDE. In jedem Studiengang gibt es eine TGDE, leider war meine extrem schwer zu erreichen und etwas unzuverlässig. Bei den meisten anderen Leuten, die ich so kannte, war die TGDE aber super.
Zum Uni-Alltag gehört für mich in Deutschland ja auf jeden Fall alle paar Tage ein Café-Besuch. An der UdeM gibt es viele kleine Cafés, die von Fachschaften betrieben werden und die relativ günstige Preise haben. Da der Campus aber riiiieeeessiiiig ist, ist vielleicht nicht immer eins in der Nähe. Ich war eigentlich nur im Pavillon Lionel-Groulx, direkt neben Jean-Brillant und da gab es das Café Anthropo, das ich auf jeden Fall empfehlen kann. Fall ihr am Campus MIL seid, gibt es dort ganz viele tolle Studi-Cafés auf einem Haufen, die alle super lecker und günstig sind!
Hier habe ich zum ersten Mal Eishockey gespielt, auf der öffentlichen Eisfläche in einem Dorf
Foto: Philine, Uni JenaAußerdem empfehle ich das Unisportprogramm! In Kanada muss man natürlich Schlittschuhfahren lernen, dachte ich mir. Ich habe etwas gezögert, mich für einen Kurs anzumelden, weil es für Anfänger sehr schnell nur noch einen Kurs gab, der um 7 Uhr morgens begann und außerdem konnte man keine Schlittschuhe ausleihen (Ich habe dann welche über facebook marketplace gekauft, das ist wie kleinanzeigen). Mit einer Freundin habe ich mich dann aber dafür entschieden und auch das war eine Entscheidung, die sich nur gelohnt hat. Ich habe nämlich festgestellt, dass diese Sportart einfach genau mein Ding ist und bin dann nicht nur jeden Mittwoch um 7 Uhr zum Kurs gegangen, sondern auch oft zum freien Training/freies Laufen auf der Eisfläche der Uni. Und sobald es kalt genug war, war ich fast jeden Tag irgendwo im Freien Eislaufen. Es gibt nämlich in Montréal über 200 EisflächenExterner Link, also in jedem Viertel mehrere!
Aber natürlich ist nicht nur Eiskunstlauf ein Ding in Montréal, sondern vor allem auch Eishockey. Das kann man auf jeden Fall auch beim Unisport machen, ich habe aber auch einfach manchmal ein bisschen mit Jean-Pierre auf dem Hockeyfeld in der Nähe von unserem Haus gespielt. Besonders lohnt es sich aber natürlich ein Eishockey-Spiel anzuschauen! Die UdeM hat nur eine Frauen-Eishockey-Mannschaft (das liegt aber traurigerweise daran, dass Männer, die gut im Hockey sind, einfach andere Optionen haben, als im Uni-Team zu spielen..) und das Eröffnungsspiel der Saison anzuschauen ist etwas ganz Besonderes. Wir waren später nochmal bei einem anderen Spiel, das war leider von der Stimmung her nicht halb so toll. Aber nicht nur das Eishockey-Spiel war eine Erfahrung für sich, sondern generell alle Sportmatches: Ich war auch bei einem Fußball- und bei einem Football-Spiel und habe mich gefühlt wie in einem US-Amerikanischen Highschool-Film.
Die Eishalle der Uni. Hier haben die Eishockeypiele, mein Kurs und auch das freie Training stattgefunden.
Foto: Philine, Uni JenaAbseits von der Uni kann man natürlich auch viel entdecken! Ich habe an vielen Wochenenden Ausflüge in die Umgebung gemacht: Nach Tadoussac, wo die Natur einfach wunderschön ist und man Wale sehen kann, nach New York, wo man ganz einfach mit dem Nachtbus hinfahren kann, in die Nationalparks rund um Montréal, nach Québec,…. Leider ist Kanada nochmal in ganz anderer Hinsicht als Deutschland ein Autoland: Man kommt nämlich fast nur mit Auto vom Fleck. Es gibt zwar auch ein paar Züge, aber die fahren selten und sind teuer. Busse gibt es für viele Standardverbindungen auch. Aber wenn man mal in einen Nationalpark fahren möchte oder eben nach Tadoussac ist ein Auto schon notwendig.
ch kann die App Turo zum Auto ausleihen empfehlen. Abseits davon gibt es aber auch eine Website für Mitfahrgelegenheiten: AmigoExpress. Damit bin ich nach Québec und nach Toronto gefahren und es hat super geklappt!
Was ich ansonsten noch empfehlen möchte, ist, sich mit der indigenen Kultur und Geschichte Kanadas auseinanderzusetzen. Das Thema wird einem wahrscheinlich sowieso immer wieder über den Weg laufen, aber es lohnt sich auch, sich proaktiv damit auseinanderzusetzen. Marie-Claude hat mir zum Beispiel sehr zu Beginn das Buch „Kukum“ von Michel Jean ausgeliehen, das ich geliebt habe und das ein perfekter Einstieg in das Thema war. Neben der indigenen Literatur gab es auch in vielen Museen tolle Ausstellungen, die einen guten Einblick in das indigene Leben Kanadas gegeben haben. Und für die ganz Interessierten: An der Uni gibt es auch Kurse in innu, einer indigenen Sprache aus der Region.
Zum Schluss noch ein bisschen Eigenwerbung: Ich habe irgendwann angefangen im Podcast-Studio der Uni einen Podcast aufzunehmen. Ursprünglich war er dazu gedacht, mein Französisch zu verbessern, daher auch der Name: Philine apprend le françaisExterner Link (auf Spotify zu finden). Ich glaube er eignet sich einerseits, um seine Französisch-Kenntnisse zu erweitern, aber vor allem hatte ich immer tolle Gäste, mit denen ich über ganz verschiedene Themen gesprochen habe, bei denen es auch immer wieder um meinen Aufenthalt in Montréal ging.
Eins meiner liebsten Ausflugziele: Tadoussac und die Umgebung
Foto: Philine, Uni Jena