Meldung vom:
Helene, Medizin
Ich habe ein sehr schönes und ereignisreiches Jahr in Salvador hinter mir. Meine Erfahrungen versuche ich hier festzuhalten und ich hoffe es hilft, falls ihr euch für ein Auslandsjahr in Salvador interessiert.
Bewerbung
Die Bewerbungsfrist des internationalen Büros endete am 15.01 für ein Auslandsjahr ab Oktober desselben Jahres. Für die Bewerbung braucht man unter anderem ein Empfehlungsschreiben von einer Lehrkraft und einen Sprachnachweis. Eine Zusage vom internationalen Büro bekam ich Mitte Februar. Danach begann Mitte März der Bewerbungsprozess an der Partneruniversität UFBA. Ich musste einige Dokumente unter anderem eine übersetzte Notenübersicht und meinen Reisepass an die UFBA senden. Dann bekam ich erstmal keine Antwort. Das Semester sollte Mitte August beginnen und ich hatte weder eine Zusage der UFBA, noch ein Visum im Mai. Meine Emails blieben unbeantwortet für mehrere Wochen. Anfang Juni, nachdem das internationale Büro aus Jena nochmal bei der UFBA nachgehakt hatte, bekam ich schließlich eine Antwort: ein Medizinstudium sei dieses Jahr nicht möglich, denn es gäbe keine Plätze für Austauschstudierende. Die Enttäuschung war natürlich sehr groß, schließlich wurde mir schon im Dezember versichert, dass ein Medizinaustausch an der UFBA ohne Probleme möglich sei. Mir wurde gesagt, der Bewerbungsprozess an der Partneruniversität sei nur eine Formalie und deshalb rechnete ich nicht damit 2 Monate vor potentiellem Semesterstart noch eine Absage zu bekommen.
Frau Frießleben vom internationalen Büro aus Jena, unterstütze mich in der (teilweise sehr herausfordernden) Kommunikation mit der UFBA sehr gut. Sie setzte sich dafür ein, dass ich trotz der Absage fürs Medizinstudium einen fächerübergreifenden Austausch an der UFBA durchführen durfte. So konnte ich zwar keine Seminare der medizinischen Fakultät besuchen, dafür aber medizinische Seminare anderer Fakultäten und Medizin- assoziierte Seminare.
Im April begannen die Professoren der UFBA für 2 Monate zu streiken, sodass sich administrative Prozesse massiv verzögerten. Auch die Semesterzeiten verschoben sich um fast 2 Monate. Eigentlich hätte das Semester Mitte August begonnen. Wegen des Streiks fing es aber letztendlich erst im Oktober an.
Visum
Wegen des Streiks an der UFBA, erhielt ich erst Mitte Juli meinen acceptance letter. Dieser ist nötig für das Studierendenvisum. Da die Semesterzeiten sich aber auch verschoben hatten, blieb mir noch genug Zeit das Visum zu beantragen. Das Visum ist für deutsche StaatsbürgerInnen kostenlos und es sind viele verschiedene Dokumente nötig, die teilweise aufwändig zu beschaffen sind. Eine Übersicht findet ihr hierExterner Link. Die beglaubigte Studienbescheinigung mit Apostille habe ich zuerst vom Studien Service Zentrum unterschreiben lassen, dann vom Rechtsamt der FSU beglaubigen lassen und anschließend die Apostille vom Thüringer Landesverwaltungsamt in Weimar bekommen. Beim Thüringer Landesverwaltungsamt muss man sich vorab per Email anmelden und die Apostille kostet 22 Euro. Mitte August hatte ich alle Dokumente zusammen und konnte alle Dokumente nach Frankfurt zum brasilianischen Konsulat schicken. Etwa 10 Tage später, kurz vor meinem Flug, wurde mir mein Visum zugeschickt. Ende August flog ich also los nach Salvador.
Ankunft
Bevor die Uni losging, blieb mir noch ein Monat, um die Stadt kennenzulernen und mich ein bisschen einzuleben. Mein Portugiesisch war am Anfang noch nicht so gut, deshalb hat es sich für mich auf jeden Fall gelohnt früher anzureisen. Ich habe vorher im Wintersemester einen A2 Portugiesisch Kurs am Sprachenzentrum besucht und konnte den Sprachnachweis nachreichen. In Salvador, sprechen nur wenige Leute Englisch und es sind auch alle Unikurse auf Portugiesisch. Das bietet einerseits die Möglichkeit sehr gut Portugiesisch zu lernen, andererseits hatte ich am Anfang aber auch mit vielen Leuten eine Sprachbarriere.
Wohnen
Den ersten Monat habe ich in einem AirBnb in Federacao gewohnt um mir währenddessen eine dauerhafte WG zu suchen. Ich bin danach erstmal für 6 Wochen in eine WG gezogen, die ich über RoomGo gefunden habe. Danach ist bei einem Freund von mir in der WG ein Zimmer frei geworden und da habe ich die restlichen 9 Monate gewohnt. Meine WG war in Rio Vermelho, in sehr guter Lage direkt am Strand. Für mein Zimmer habe ich 150 Euro bezahlt. Es gibt verschiedene Seiten um Wohnungen zu suchen. Die gängigsten sind OLXExterner Link, RoomGoExterner Link und WebquartoExterner Link. Außerdem gibt es eine Whatsapp Gruppe von der UFBA, wo regelmäßig freie Zimmer angeboten werden. Viertel, die nah bei der UFBA sind und sich sehr gut zum Wohnen anbieten sind zum Beispiel Barra, Ondina, Graca, Rio Vermelho, Canela, Federacao und Garcia.
Erfahrungsbericht Universidade Federal da Bahia
Foto: Helene, Uni JenaOrganisatorisches vor Ort
Nach meiner Ankunft musste ich noch einige organisatorische Dinge erledigen. In Brasilien ist es sehr wichtig eine Steuernummer (CPF) zu haben. Ohne CPF ist man oft aufgeschmissen. Beantragen kann man die CPF bei der Receita Federal. Dazu muss man ein FormularExterner Link ausfüllen und ausdrucken. Anschließend muss man sich am besten um 7 Uhr morgens bei der Receita Federal im Viertel Paralela anstellen und seine CPF abholen. Außerdem muss man sich innerhalb von 90 Tagen nach der Ankunft bei der Policia Federal beim Flughafen melden. Dort kann man dann seinen RG (wie ein brasilianischer Personalausweis) beantragen. HierExterner Link findet man wie das funktioniert.
Nach 40 Tagen Wartezeit, kann man das Dokument abholen. Damit kann man sich dann ein brasilianisches Konto einrichten (z.B. bei NuBank) und das Online Bezahlsystem PIX (ähnlich wie Paypal) benutzen. In Brasilien ist das Bezahlsystem sehr digital und man kann wirklich überall (sogar am Strand) mit PIX bezahlen. Das war sehr praktisch, denn meine Kreditkarte aus Deutschland hat nur selten funktioniert. Mittels Wise habe ich Geld von meinem deutschen Konto auf mein brasilianisches Konto überwiesen. Ich fand alles Bürokratische in Brasilien sehr kompliziert und bin am Anfang etwas dran verzweifelt, also wenn ihr Fragen dazu habt meldet euch einfach.
Außerdem muss man sich im internationalen Büro in der Reitoria der UFBA melden und seine Kurse dort wählen. Bereits vor der Ankunft in Salvador war die Kommunikation mit dem internationalen Büro der UFBA schwierig. Nach der Ankunft ging das auch weiter so. Die zuständige Person im internationalen Büro ist oft nicht da, aber nach dem vierten Anlauf traf ich sie schließlich an. Die Unterstützungsstruktur für internationale Studierende ist nicht besonders gut. Es gibt nicht viele internationale Studierende an der UFBA, es gibt kein Buddy Programm oder eine Einführungs-/ Kennenlernveranstaltung. Deshalb habe ich andere Austauschstudierende eher durch Zufall kennengelernt. Man muss sich bei einem Austausch mit der UFBA auf jeden Fall darauf einstellen, dass man viel selbstständig organisieren muss und oft Eigeninitiative gefragt ist.
Sicherheit
Sucht man Salvador im Internet, findet man viele Horrorgeschichten von Überfällen und Gewalt. Das ist leider eine Realität in der Stadt. Die Gewalt spielt sich aber hauptsächlich in bestimmten Vierteln ab, die man als privilegierte*r Austauschstudi meistens gut meiden kann. In vielen Vierteln kann man sich ohne Probleme tagsüber zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Bus bewegen. Wenn es dunkel ist, wird meist eine Fahrt mit dem Uber empfohlen. Leute aus Salvador wissen generell sehr gut darüber Bescheid, welche Gegenden zu meiden sind und geben bereitwillig Auskunft darüber. Das hilft mit der Zeit auch die Stadt besser kennenzulernen und sich selber ein Bild von der Sicherheitslage zu machen.
Unileben
Die UFBA ist eine staatliche Universität, deshalb gibt es keine Studiengebühren. Dementsprechend sind die Studienplätze sehr begehrt. Seit 2005 gibt es eine gesetzliche für Schwarze Menschen, Menschen mit Behinderung, trans* Menschen, Indigene und Quilombolas. Diese soll den Zugang von diesen Bevölkerungsgruppen zum Bildungssystem erleichtern und die Universität diversifizieren. Dennoch bleiben Teile der Gesellschaft kategorisch von höherer Bildung ausgeschlossen.
Das Studium an der UFBA habe ich insgesamt als bereichernd wahrgenommen. Am Anfang war es sehr herausfordernd auf Portugiesisch zu studieren und vieles nicht zu verstehen. Mit der Zeit wurde es besser und es hat sich sehr gelohnt für mich 2 Semester zu bleiben. Von Seiten der Profs wurde mir, gerade am Anfang, viel Verständnis entgegengebracht. Ich habe den Umgang zwischen Profs und Studierenden generell sehr auf Augenhöhe wahrgenommen. Alle sprechen sich mit Vornamen an und es ist weniger hierarchisch als in Deutschland. Wenn Leute Schwierigkeiten mit einer Klausur, oder zu oft gefehlt haben, fand sich meistens eine Lösung zugunsten der Studierenden.
Da ich fächerübergreifend an der UFBA studiert habe, hatte ich die Möglichkeit Einblicke in sehr verschiedene Bereiche zu bekommen. Da es auch interdisziplinäre Bachelor gibt, ist es nichts ungewöhnliches, Kurse von verschiedenen Fakultäten zu besuchen und die Fakultäten sind sehr gut untereinander vernetzt. Besonders bereichernd empfand ich praktische Kurse, die ACCS. Davon habe ich in beiden Semestern welche besucht und habe dabei sehr viel gelernt Sie finden meistens nicht in der Uni, sondern (im medizinischen Bereich) zum Beispiel im Krankenhaus statt. Ich hatte dabei zum Beispiel einen praktischen Kurs, bei dem es um psychiatrische Drogenberatung und Prävention ging. In Brasilien gab es eine Psychiatriereform und deshalb gibt es nur wenige geschlossene Psychiatrien. Der Fokus liegt auf psychosozialen Zentren und ich fand es sehr spannend dort einen Einblick zu bekommen.
Zur Uni bin ich meistens mit den Leihfarrädern von Itau gefahren. Diese kann man überall in der Stadt ausleihen und ein Monatsabo kostet 5 Euro. Manchmal bin ich auch mit dem Bus gefahren (kostet 5,60 Reais,80 Cent). Wenn man sich die Salvador Card machen lässt, kostet es nur die Hälfte. Beim Busfahren bietet sich die App Cittamobi an, da Google Maps in Salvador nicht so verlässliche Aussagen zu den Ankunftszeiten trifft.
Die Infrastruktur in einigen Vierteln der Stadt ist nicht auf Regen ausgelegt und es kann zu großen Überschwemmungen kommen. Dann können Leute nicht mit dem Bus zur Arbeit oder Uni fahren. In der Regenzeit von April bis Juli, fielen deshalb öfter Uniseminare von mir aus oder fanden online statt.
Es gibt drei verschiedene Campi an der UFBA. Der Hauptcampus in Ondina gleicht einem botanischen Garten und dort kann man sehr gut verweilen. Auf jedem Campus gibt es eine Mensa, die mittags und abends geöffnet hat und in der man für 40 Cent sehr leckeres Essen bekommt. Nach meinen Seminaren, bin ich also meistens in die Mensa gegangen. Es gibt auch verschiedene Bibliotheken auf dem Campus und in Canela auf dem Campus gibt es außerdem ein Kino.
Freizeit
Erfahrungsbericht Universidade Federal da Bahia
Foto: Helene, Uni JenaSalvador ist eine sehr lebenswerte Stadt und ein Jahr dort zu wohnen, war sehr bereichernd. Es gibt viele Feste und Traditionen wie Karneval, Festa de Yemanja, Festa do Bonfim und Dois de Julho, die man erleben kann. Salvador ist als Kulturhauptstadt Brasiliens bekannt und so gibt es ganzjährig gratis Konzerte in der Innenstadt Pelourinho.
In Salvador gibt es auch viele Strände und so konnte ich in meiner Freizeit regelmäßig Futevolei spielen und surfen gehen. Außerdem habe ich Ausflüge in andere Orte in Bahias und Brasiliens unternommen. Busfahren in Brasilien ist sehr komfortabel, sodass ich alle Strecken mit dem Bus fahren konnte.
Ich kann ein Auslandsjahr in Salvador sehr empfehlen. Wenn ihr Interesse habt auch einen Austausch in Salvador zu machen und irgendwelche Fragen habt, meldet euch gerne bei mir. Das internationale Büro kann meine Kontaktdaten herausgeben 😊