Die eine liest in Gesteinsschichten wie in alten Archiven, der andere dreht Vinyl als lebendiges Gedächtnis. Joana Jodie Wagner und Hannes Geiß sprechen beide die Sprache der Platten – auf ihre eigene Weise. Ihr Gespräch führt von der Terebratula-Bank bis zum DJ-Pult, von Erdbebenwellen bis zu Bassfrequenzen und landet immer wieder bei der Frage: Was hält eine Stadt und ihre Universität wirklich zusammen?
Wo in Jena bekommt ihr sofort gute Laune oder eure besten Ideen?
Joana Jodie Wagner: Am liebsten bin ich im Muschelkalk – also hier in den Kernbergen, vielleicht sogar in der Terebratula-Bank. Oddly specific, ich weiß!
Hannes Geiß: Hier im Plattenladen. Ich würde schon sagen, dass ich die meiste Zeit hier verbringe. Es ist ein bisschen wie ein Wohnzimmer.
Plattenladen und Geologie – wo überschneiden sich eure Lebenswelten?
Joana Jodie Wagner: Wir schauen uns in der Geologie oft Platten an, wenn wir ehemalige Ökosysteme verstehen wollen. Und ich finde: Platten, die Menschen früher gehört haben, haben eine ähnliche Aussagekraft. Sie erzählen von einer vergangenen Zeit.
Hannes Geiß: Es gibt auf jeden Fall einen Dozenten an der Uni, der ein treuer Stammkunde ist und mit dem kann man sich sehr lange und ausschweifend über Musik unterhalten. Es kam schon vor, dass wir noch zwei Stunden nach Ladenschluss zusammensaßen und geredet haben. Früher kamen auch Studierende vorbei, um DJs anzusprechen und für ihre Partys zu gewinnen. Das ist jetzt nicht mehr so, aber damals war der Plattenladen ein echter Anknüpfungspunkt. Es gab sogar Leute, die sich für Jena als Studienort entschieden haben, weil es hier einen Plattenladen gab – als Beweis, dass es eine gute Szene gibt.
Wann hast du zuletzt gespürt, dass Stadt und Uni gemeinsam etwas schaffen, was alleine keiner könnte? Was findet ihr an Jena exzellent?
Joana Jodie Wagner: Für mich gehört das mit zur Frage, was Stadt und Uni verbindet. Bei jedem Forschungsprojekt, bei allem, was man wissenschaftlich macht, gehören auch die Menschen dazu, die nicht direkt in der Wissenschaft stehen. Das heißt: Eigentlich ist jeden Tag jeder ein Teil davon. Ob das die Person ist, bei der ich morgens meinen Kaffee to go hole, oder der Busfahrer, der mich von einem Institut zum anderen bringt. Jeden Tag, wenn man es sich bewusst macht.
Hannes Geiß: Für mich sticht heraus, dass man durch die Lage der Stadt sehr schnell in einem Naturschutzgebiet ist. Egal, wo man losläuft, in zwanzig Minuten steht man auf einem Berg und kann sich aus dem ganzen Trubel befreien. Das habe ich in anderen Städten sehr vermisst.
Wo treffen Geologie und Clubkultur aufeinander?
Joana Jodie Wagner: Ob wir wirkliche Clubgänger:innen sind, weiß ich nicht. Wir haben hier so ein cooles Institut, dass wir eigentlich eher hier feiern. Aber wir hatten definitiv schon DJs zu Gast, die hier aufgelegt haben. Da stand dann ein DJ-Pult, und es wurde Party gemacht.
Hannes Geiß: Mir fällt spontan Vibration ein. Wenn Platten aufeinanderprallen, entstehen Erschütterungen, ähnlich wie bei einem Erdbeben. Und wenn Menschen tanzen und Musik spielt, spürt man vor allem den Bass dadurch, dass er sich über den Boden überträgt. Deswegen werden Subwoofer meistens auf dem Boden positioniert und nicht in der Luft.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft dieser Verbindung zwischen Stadt und Uni?
Joana Jodie Wagner: Es wäre schön, wenn offensichtlicher würde, dass die Uni nicht ohne die Stadt kann und die Stadt direkten Einfluss auf die Uni hat. Wenn das bei allen Beteiligten stärker ins Bewusstsein rückt, wäre das wunderbar.
Hannes Geiß: Vor der Pandemie gab es einen richtigen Drive: Die Studierendenschaft und das kulturelle Leben in Jena waren stark voneinander abhängig. Nach der Pandemie ist das leider weitgehend eingebrochen. Man sieht kaum noch Studierende, die sich aktiv am kulturellen Leben beteiligen – zumindest aus der Perspektive des Plattenladens und der Veranstaltungsszene.
Ich bin Teil der Universitätsstadt Jena, weil…
Joana Jodie Wagner: … Jena mir gezeigt hat, dass Ungeplantes manchmal die schönere Variante ist.
Hannes Geiß: Wir sind Teil der Universitätsstadt Jena, weil wir für musikalische Diversität sorgen.