Aerationszonen in Grundwasserneubildungsgebieten, die häufig Mächtigkeiten über 100 Meter erreichen, können als abgrenzbare, aber hochvernetzte unterirdische Ökosysteme betrachtet werden.

Vom blinden Fleck zum Datenschatz

Perkolatkollektor-Array schließt gravierende Beobachtungslücke im Schlüsselkompartiment Aerationszone
Aerationszonen in Grundwasserneubildungsgebieten, die häufig Mächtigkeiten über 100 Meter erreichen, können als abgrenzbare, aber hochvernetzte unterirdische Ökosysteme betrachtet werden.
Foto: Robert Lehmann
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Meldung vom: | Verfasser/in: Robert Lehmann & Kai Uwe Totsche
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Zum "denkwürdigen Triduum" im März (21. März: Internationaler Tag des WaldesExterner Link; 22. März: WeltwassertagExterner Link; 23. März: Internationaler WeltwettertagExterner Link​ mit dem diesjährigen Motto „Observing today, protecting tomorrow“) möchten wir gern auf unseren im März 2026 erschienenen Open-Access-Artikel „Neglected but pivotal: Complex matter dynamics in the aeration zone contribute to groundwater quality evolution“ (https://doi.org/10.1016/j.watres.2025.125287Externer Link) in der Zeitschrift Water Research aufmerksam machen.

Perkolatsammler (Drainage Collectors) im verwitterten Festgestein, Grundwasserneubildungsgebiet des Hainich Critical Zone Exploratory (NW-Thüringen)

Foto: Robert Lehmann

„Perkolatsammler schließen eine Beobachtungslücke in der Grundwasserforschung“

Dicke Aerationszonen unter topografischen Erhebungen, die weder als „vados“ (lat. vadosus = flach) noch als „wasserungesättigt“ („ungesättigte Zone“) charakterisiert werden sollten, spielen eine entscheidende, aber bisher kaum verstandene Rolle für die Grundwasserqualität und unterirdische Ökosysteme. Zwischen Böden, die leicht über Schürfe oder Sickerwassersammler zugänglich sind und dem Grundwasserraum, der über Quellen und Grundwassermessstellen (bzw. Brunnen) beprobbar ist, klafft ein gravierende Beobachtungslücke: Regolith und verwittertes Festgestein mit ihren hochdiversen Lebens- und Reaktionsräumen fehlen in wissenschaftlichen Daten und Konzepten.

Techniker Heiko Minkmar stellt flach einfallende „subhorizontale“ Bohrlöcher im verwitterten Festgestein her.

Foto: Robert Lehmann

Mit unseren neu entwickelten Perkolatsammlern („Drainage Collectors“) sowie Grundwassermessstellen, die schwebende Grundwasserkörper (als Teil der Aerationszone) im Hainich Critical Zone Exploratory aufschließen, konnten wir diese Beobachtungslücke in der Forschung zu unterirdischem Wasser schließen.

Dinusha E. Arachchige tauscht Sammelgefäße während einer 4-wöchigen Probenahmekampagne.

Foto: Katharina Lehmann

„Erste mehrjährige Studie zu Flüssen und Zusammensetzung von Sickerwässern in der Aerationszone“

Mithilfe eines Netzes von zwanzig räumlich verteilten Perkolatsammlern im Grundwasserneubildungsgebiet des Hainichs, die sich zu einem unterirdischen Superkollektor oder „Kollektor-Array“ zusammenfügen, konnten wir die hohe raumzeitliche Variabilität und den Einfluss multipler Einflussfaktoren erfassen.

In der Studie analysierten wir über drei Jahre hinweg die Sickerwasservolumina im Festgestein, das mobile Gesamtinventar (Total Mobile IventoryLehmann et al. 2021Externer Link) Stoff- und Partikeltransport sowie deren Einflussfaktoren.

Kai Totsche und Heiko Minkmar inspizieren einen Plot im Frühling.

Foto: Robert Lehmann

„In der Aerationszone wird aus Sickerwasser Grundwasser“

Im verwitterten Festgestein traten etwa 65 % der jährlichen Sickerwassermenge im Winter auf. Extreme Regen- und Schneeschmelzereignisse – abhängig von den vorherigen Feuchtebedingungen – trugen mit 58 % zur Jahresmenge bei, u. a. gesteuert durch Bodenmächtigkeit, Jahreszeit, Hangneigung und Klufteigenschaften. Die Qualität des Perkolats der Aerationszone zeigt eine starke saisonale Variabilität und unterscheidet sich deutlich vom Sickerwasser im Oberboden. Die hydrochemische Signatur des Grundwassers wird bereits in den ersten Metern des verwitterten Gesteins mächtiger Aerationszonen vorgeprägt, die durch stark variable Verweilzeiten gekennzeichnet sind – von wenigen Stunden (z. B. schneller Fluss durch Klüfte) bis vermutlich zu mehreren Jahren (z. B. stagnierendes Wasser Gesteinsmatrices).

Unsere Analyse multipler Einflussfaktoren deutet auf den Einfluss von deterministischem Chaos auf die Sickerwasserbeschaffenheit und Dynamik des mobilen Gesamtinventars hin. Winterliche Fließereignisse dominieren den Transport von organischem Kohlenstoff, Mineralpartikeln, mineralisch-organischen Aggregaten bis zu 160 µm und von Biopartikeln, wie bspw. Bakterien.

Im Perkolatsammler dienen Halbrohre aus Brunnenrohr (PVC-U) zur Stabilisierung des Bohrlochs und zum Auffangen von Sickerwasser aus Regolith und geklüftetem Gestein.

Foto: Heiko Minkmar

„Die Aerationszone ist ein Schlüsselkompartiment für das Verständnis oberirisch-unterirdischer Kopplungen und von unterirdischen Klimawandelfolgen“

Hochgradig geodiverse Aerationszonen (Lehmann und Totsche, 2020Externer Link; Aehnelt und Totsche, 2025Externer Link) transformieren und halten nicht nur mobiles Material – etwa aus Bodensickerwasser – zurück. Sie erzeugen auch neues Material, darunter Mikroorganismen, das für unterirdische Ökosysteme und die Qualität des Grundwassers von Bedeutung ist. Als Regulator einzugsgebietsskaliger bis regionaler Wasser- und Stoffflüsse sind dicke Aerationszonen wichtig aber bisher unterschätzt. Die beobachteten starken Schwankungen des mobilen Inventars, die weitgehend durch wetterbedingte Strömungstransienten und kumulierte Effekte der jüngeren Vergangenheit gesteuert werden, deuten darauf hin, dass sowohl Aerationszonen, als auch die abstromigen Grundwasserressourcen vielfältig anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels sind.

Aerationszonen sind neben den Böden zuvorderst dem Klimawandel ausgesetzt. Weil sie jedoch weit größere Pufferkapazitäten gegen durch Klimavariabilität beeinträchtigte Flüssigkeits- und Stoffflüsse sowie -kreisläufe bieten, müssen wir „unsere“ Aerationszonen als zentrale Kompartimente für die Erforschung des "Klimawandels untertage" verstehen und untersuchen. Dank ihres großen Wasserspeichervermögens, ihrer beträchtlichen Biodiversität und ihrer ausgeprägten geologischen Vielfalt untersuchen wir Aerationszonen auch für naturbasierte Lösungen („nature-based solutions“) zur Klimawandelanpassung auf Landschaftsebene.

Zur Jahrestagung der EGU, präsentieren wir hierzu zwei Vorträge:

Complex dynamics of fluid and matter sinks, transformations, and sources in thick recharge-area aeration zones contribute to groundwater quality evolution: https://doi.org/10.5194/egusphere-egu26-21555Externer Link

Landscape Pleofunctionality: an integrated surface–subsurface perspective for advancing transformative change and climate-change adaptation: https://meetingorganizer.copernicus.org/EGU26/EGU26-20003.htmlExterner Link

  • Geeignete Messstellen

    Natürliche oder gering beeinflusste Böschungen (Geländestufen, Gerinne, kleine Steingruben, alte Hohlwege) sind geeignete Ansatzpunkte für horizontale Bohrungen und Messstellen in der Aerationszone.

    Natürliche oder gering beeinflusste Böschungen (Geländestufen, Gerinne, kleine Steingruben, alte Hohlwege) sind geeignete Ansatzpunkte für horizontale Bohrungen und Messstellen in der Aerationszone.
    Foto: Robert Lehmann
Slideshow Steuerung Eintrag 1 von 4
Eintrag 1 von 4

Kai Uwe Totsche, Prof. Dr.

Professur Hydrogeologie
Prof. Dr. Kai Uwe Totsche
Foto: FSU/Hydrogeologie
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